Haus Fünf in Melk

Ein Beispiel, wie Leerstand wertschätzend belebt und in die Gegenwart geführt werden kann. Der Architekt sieht darin auch eine Haltung für die Zukunft: „Ich baue nicht mehr auf die grüne Wiese. Wenn wir aufmerksam sind, was auf unserem Planeten passiert, muss das eine Selbstverständlichkeit sein.
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UNTER SCHUTZ WEITERBAUEN | Wohnraum schaffen im UNESCO-Weltkulturerbe Wachau

Mit dem Haus Fünf in Melk hat Architekt Dietmar Kraus ein bestehendes Gebäude weitergebaut, das selbst denkmalgeschützt ist und sich noch dazu in einer geschützten Umgebung befindet – innerhalb des Melker Altstadt-Ensembleschutzes und des UNESCO-Weltkulturerbes Wachau. In einem derart sensiblen Kontext zu bauen, erfordert Mut, Ausdauer und Kreativität – und zeigt, wie behutsam und zeitgemäß mit historischer Substanz umgegangen werden kann.

Schichten der Zeit
Das Haus liegt in der Sterngasse, der ältesten Straße der Stadt, am Eingang zur historischen Altstadt und am Fuße des Stiftfelsens. Während die Nachbarhäuser zu Bürgerhäusern umgebaut wurden, blieb dieses ein mittelalterliches Handwerkerhaus und wurde nun nach Jahren der Nichtnutzung dem Verfall überlassen. Die Idee für das Weiterbauen setzt hierbei an: historische Schichten freizulegen, sichtbar zu machen und durch neue Materialien zu ergänzen. Diese Schichten sind sowohl außen als auch innen erlebbar. Im Inneren treffen alte und neue Texturen und Möbel aufeinander, die sich gegenseitig ergänzen und in Dialog treten. Von außen lassen sich die zeitlichen Ebenen anhand der unterschiedlichen Gebäudeteile ablesen. An die Stelle des hangseitigen Anbaus, der wegen seines schlechten Zustands abgetragen wurde, tritt ein Holzmassivbau auf einer Stahlbetondecke, der das mittelalterliche Haus ergänzt. Ursprünglich sah der Bebauungsplan eine höhere Bebauung zur Straße hin vor. Dieser wurde geändert, sodass der historische Straßentrakt nur im Dachgeschoß erweitert, der Neubau hingegen nach hinten hin höher geführt werden konnte – analog zu den Nachbargrundstücken.

Verschränkte Wohnräume
Die neue Holzkonstruktion im hinteren Teil des Grundstücks bildet eine eigenständige Fortsetzung des historischen Bestands. Ein Zugang führt von der Straße durch einen langen Gang zum neuen Gebäudeteil. Der Bestand bleibt auch hier spürbar – etwa in der feuchten Mauer entlang der Grundstücksgrenze, deren Zustand als gegebene Bedingung akzeptiert und gepflegt wird. Ein hölzernes Stiegenhaus verbindet die drei Wohnungen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verschränken. Individuelle Grundrisse mit Galeriebereichen schaffen räumliche Vielfalt, die der Topografie folgt und zu spannenden Wohnerlebnissen führt. Durchblicke und Freiflächen stellen für jede Wohnung den Bezug nach außen her.

Heimelig für Begegnung
Neben dem Wohnen hat das Haus Fünf auch eine öffentliche Aufgabe erhalten: Im Erdgeschoß, von der Straße aus zugänglich, befindet sich eine Veranstaltungslocation. Hier finden etwa Weinverkostungen, Kochabende, Diskussionsrunden oder Filmvorführungen statt. Der Raum zieht sich über das gesamte Grundstück von der Straße bis zum Felsen und gliedert sich in mehrere Ebenen: einen Empfangsraum mit Küche, eine Barzone und einen größeren Veranstaltungsbereich, darunter ein Gewölbekeller. Im hintersten Teil tritt der Felsen des Hangs direkt zutage – er wurde sichtbar belassen und macht den Kontext physisch erfahrbar. Bei Regen fließt Wasser den Felsen hinab – ein bewusst inszeniertes Naturmoment im Innenraum. Die Nutzung für Veranstaltungen verankert das Gebäude im Stadtleben und macht es als Ort der Begegnung zugänglich.

Doppelte Rolle
Die Arbeit an einem denkmalgeschützten Gebäude in einer derart regulierten Zone verlangt außerordentliches Engagement. Ursprünglich war ein Projektentwickler beteiligt, der sich jedoch aufgrund der zahlreichen Auflagen zurückzog. So übernahm Architekt Dietmar Kraus erstmals selbst auch die Rolle des Bauherrn – eine doppelte Verantwortung, die zugleich neue Freiräume eröffnete. Nur so konnten gestalterische Details wie das großzügige hölzerne Stiegenhaus oder eigens entworfene Möbel und Innenausbauten realisiert und Entscheidungen konsequent nach gestalterischen Qualitäten getroffen werden.

Bauen mit Haltung
In einer von Stein, Putz und Stuck geprägten Umgebung begegnete die Bevölkerung dem verwendeten Holz für die Erweiterung des Bestandsbaus zunächst mit Skepsis. Heute gilt das Projekt als Beispiel, wie Leerstand wertschätzend belebt und in die Gegenwart geführt werden kann. Der Architekt sieht darin auch eine Haltung für die Zukunft: „Ich baue nicht mehr auf die grüne Wiese. Wenn wir aufmerksam sind, was auf unserem Planeten passiert, muss das eine Selbstverständlichkeit sein. In Österreich gibt es so viel Leerstand, der nur darauf wartet, weitergebaut zu werden.“ Das Haus Fünf steht damit exemplarisch für ein Weiterbauen im Bestand als Referenz für weitere derartige Projekte. Denn die Aktivierung von leerstehenden Bestandsgebäuden ist gemeinsam mit der Wiederbelebung von Innenstädten ein wesentliches Zukunftsthema, das nun angegangen werden muss.

Eigentümer: A&O Immobilienverwaltung GmbH
Planung: Prof. Architek DI Dietmar Kraus
Autorin: DI Alexandra Ullmann
Fotos: Romana Fürnkranz