Hollenstein an der Ybbs liegt im Mostviertel in der niederösterreichischen Eisenwurzen. Ein alter Saumpfad führt von hier über den Frenzsattel in die angrenzende Obersteiermark und somit zum steirischen Erzberg, dem die Region ihre einstige wirtschaftliche Prosperität verdankte. Bereits im Altertum war das Gebiet besiedelt und Teil der römischen Provinz Noricum. Der Ort selbst wurde im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt (Holnstein), und als Grundherren die Hochstifte Freising und Passau genannt. Durch die Entwicklung der Eisenindustrie im 15. und 16. Jahrhundert wuchs der Ort stetig und einige Jahrhunderte war die Kleineisenindustrie mit ihren Hammerwerken bedeutend. Später entwickelte sich hier eine rege Holzindustrie.
Baujuwel gerettet
Im Jahr 2023 wurde eines der ältesten Gebäude Hollensteins, das eng mit der oben beschriebenen regionalen Wirtschaft verbundene Haus Haberfeld, restauriert, konserviert und in einem historisch originalgetreuen Zustand erhalten. Als Restaurator konnte dafür Mag. Josef Voithofer aus Hollersbach im Pinzgau gewonnen werden. Dabei wurden die im Bestand überlieferten Bau- und Reparaturphasen in ihrer Einzigartigkeit belassen und gleichzeitig die, im Lauf der Jahrhunderte oft nur partiell und in unterschiedlichen Handwerkstechniken ausgebesserten, Teilbereiche in eine einheitliche Gesamtheit zusammengefasst.
Doch bis dahin war es ein weiter Weg, wie die Retterin des Hauses und langjährige Bewohnerin Regina Winkelmayer berichtet. 1978 gelang es dieser, aus der Gegend stammenden, Künstlerin – sie hatte schon eine Weile ein Auge auf das Haus Haberfeld geworfen – das Objekt von den Österreichischen Bundesforsten zu pachten: „Der Zustand des als Zollgebäude, zeitweise als Hospiz und danach als Jagddomizil genutzten Gebäudes war desaströs, so dass von den Eigentümern sogar über den Abbruch nachgedacht wurde. Seit der Nachkriegszeit stand das Objekt über Jahrzehnte leer; vermutlich fand vor dem Ersten Weltkrieg unter Baron Rothschild die letzte Sanierung des Hauses statt. Daher musste abgesehen von der sukzessiven Stabilisierung und Erneuerung der Bausubstanz zunächst eine den heutigen Wohnbedürfnissen angemessene Infrastruktur mit Strom, Wasserleitung und Kanal eingerichtet werden.“
Entwicklung und Besonderheiten
Betrachtet man das sich durch mannigfaltige Architekturformen auszeichnende Gebäude genauer, so bemerkt man, dass es eine Reihe von Spezialitäten beherbergt, wie z.B. ein zweites Gewölbegeschoß, errichtet vermutlich in der Spätgotik auf dem ursprünglich eingeschoßigen Trakt mit Gewölben und historischen Balkendecken. Das Schopfwalmdach und die charakteristische Sgraffitofassade reichen in die frühe Neuzeit zurück. Unter Sgraffito versteht man eine Technik der Fassadendekoration, die ihre Blüte in der Renaissancezeit in Italien hatte und auch nördlich der Alpen weite Verbreitung fand. Die Muster wurden durch das Auskratzen von weißer, frischer Tünche auf den darunter liegenden Putz sichtbar gemacht. Häufig, so auch hier, wurden die Kalkputze mit Holzkohle eingefärbt, um den Kontrast zu erhöhen und die graphischen Details deutlicher hervorzuheben. Teile der Originale sind noch erhalten und wurden in Absprache mit dem Bundesdenkmalamt bewusst als „Sichtfenster“ belassen. Diese Zitate veranschaulichen den früheren Zustand der Gebäudehülle, machen ihn erlebbar und konnten bei der Restaurierung als Vorlage verwendet werden.
Bei einem Rundgang und der Besichtigung der Fassade bzw. des Gebäudeäußeren fallen auch die wuchtigen, teilweise in Mannshöhe oval abgeflachten, Eckquader auf. An der Nordseite des Hauses handelt es sich dabei in Wirklichkeit um eine kunstvolle Täuschung, denn tatsächlich ist es wiederum grauer Putz, dessen Oberfläche in mühevoller Kleinarbeit mit Reisigbesen in eine dem natürlichen Tuffstein ähnliche Struktur verwandelt wurde. An einer rückseitigen Fassade ist noch eine weitere Besonderheit erhalten – der ursprüngliche Küchenausguss. Die längste Zeit über gab es ja hier keine Kanalisation und so wurden die Abwässer mitsamt den Küchenabfällen einfach durch eine Wandöffnung ins Freie geleitet, wo sie in einem Trog gesammelt und als Futter verwertet werden konnten. Bei einem Umbau in der Renaissancezeit wurde das bis heute erhaltene zweigeschoßige Dach errichtet, das als Getreidespeicher diente und zum charakteristischen Aussehen des Gebäudes beiträgt. Der für die Einlagerung von Roggen, Weizen und Hafer beträchtliche Höhenunterschied wurde einst mit Flaschenzügen überwunden.
Alles in allem handelt es sich beim Haus Haberfeld um eine dem jeweiligen Verwendungszweck angemessene, sehr repräsentative Erscheinung.
Entrée und Inneres
Bevor man durch romanische Sandsteinbögen in den Unterflur gelangt, bleibt der Blick kurz an den im Eingangsbereich angebrachten Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen hängen. Sie sind stumme Zeugen für die Ära des ab dem Mittelalter florierenden Eisenhandels, um den Bedarf der Handwerker in den Städten zu stillen.
Im Flur weist zur rechten Hand eine Kammer mit Durchreiche auf das ehemalige Büro der Zöllner hin. An diesem Schalter mussten seinerzeit die jeweiligen Gebühren entrichtet werden. Nebenan befand sich der Mannschaftsraum, der jetzt als Wohnraum genutzt wird. Auf der gegenüber liegenden Seite grenzt an ein Zimmer mit mittelalterlicher Balkendecke die Versorgungsküche. Im hier befindlichen Backofen konnten gleichzeitig 70 Brote gebacken werden, der Holzverbrauch dabei betrug beachtliche zwei Festmeter. Ein vom Plafond abgehängtes Regal, die so genannte Brotleiter, lässt das Ausmaß der seinerzeitigen Backtätigkeit erahnen. Früher gab es übrigens noch eine zweite Kochstelle, die „Schwarze Küche“ im großen Vorraum. Der offene Herd dieser Rauchkuchl ist heute mit Steinen vermauert.
Auf einer nach rechts gewundenen Treppe geht es in die bereits erwähnte zweite Gewölbeebene, von der die Schlafräume mit originalen Decken aus handgehackten Tannenbalken erschlossen werden. Über die Jahre haben die Bewohner alle Räume mit Einrichtungsgegenständen und allerhand dekorativen Objekten aus verschiedenen Epochen ausgestattet. So zeigt sich ein buntes Bild voll Geschichte und Vielfalt, in dem antike Heiligenstatuen wie z.B. der Hl. Leonhard als Beschützer des Viehs ebenso Platz finden, wie simple Gebrauchsgegenstände.
Das Bundesdenkmalamt hebt den herausragenden baukulturellen Wert des Objektes und Restaurierungsvorhabens hervor. So ordnet sich das Herrschaftshaus Haberfeld nach Aussagen von Heimatkundeforschern und weiteren Historikern in eine Reihe bedeutender Herrenhäuser des Ybbstals ein, und steht vom historischen Wert auf einer Stufe mit dem Amonhaus in Lunz am See, dass zu den schönsten Renaissancebauten in Österreich zählt.
Das Schlusswort sei der Familie Regina und Benedikt Winkelmayer überlassen, deren Initiative und Ausdauer den Erhalt des Haberfelds ermöglichte: „Wir sind stolz und glücklich, dieses einzigartige Hollensteiner Baujuwel für künftige Generationen bewahrt zu haben.“