Teil 2 der Beitragsserie
TROCKENSTEINMAUERN
Sie liegen an einem heißen Sommertag auf ihrer Süd-Terrasse, öffnen die Augen und blicken direkt in die gleißende Sonne. Beim Versuch, barfuß auf die 65 Grad heißen Fliesen aufzustehen, verbrennen Sie sich eine Fußsohle. Vertrockneten Mundes gehen Sie, mittlerweile in Schlapfen, um ein kühles Getränk in den darunterliegenden alten Erdkeller. Stockfinster, wo ist der Lichtschalter? Sie fröstelt, hoffentlich ist die Flasche so kalt, wie es sich hier anfühlt. Feuchter Geruch, feuchter Dunst an den nackten Waden.
Wären Sie kleiner, könnten Sie diesen kleinklimatischen Gegensatz auf nur 25 cm erleben: in einer Trockensteinmauer. Messungen in den 1980er-Jahren im Raum Krems zeigten außen an einer nach Süden gerichteten Mauer eine Temperatur von 65° C, während in 20 cm Tiefe maximal 25° C herrschten. Untersuchungen aus der Schweiz verdeutlichen, wie abwechslungsreich die Mauer als Lebensraum ist. An der Südostseite schwankte die Temperatur im Sommer von 12 bis 38 Grad, im Winter von minus 10 bis plus 4 Grad. Im Inneren am Mauerfuß gab es keinerlei Schwankung: Im Winter hatte es konstant warme null Grad, im Sommer angenehm kühle 18 Grad.
Während der Außenbereich witterungsbedingt auch hinsichtlich Trockenheit oder Nässe bei Niederschlägen und zeitlich bedingt hinsichtlich Helligkeit und Dunkelheit verschiedene „Wohnzustände“ bietet, herrscht im Inneren eine konstante Dunkelheit und dank der Erde hinter der Mauer Feuchtigkeit – ein Kellerklima also.
Diese mikroklimatische Vielfalt wird von einer Vielzahl an Tieren und Pflanzen geschätzt. Untersuchungen gibt es wenige, aber diese zeigen, dass Trockensteinmauern vermutlich die einzigen Bauwerke des Menschen sind, die mehr Lebensraum schaffen, als sie zerstören. Bei einer Studie an der Mosel wurde eine Mauer abgetragen und als Momentaufnahme 128 Tierarten mehr als im umliegenden Weingarten gezählt. Untersuchungen an Kremser Mauern zählten etwa 550 Pflanzenarten, darunter Flechten und Moose, die auf das Hartsubstrat angewiesen sind. Trockensteinmauern sind vom Menschen geschaffene Sekundärbiotope, die sich vom natürlichen Primärbiotop Fels durch die Vielzahl unterschiedlich großer Spalten, Ritzen und Lücken unterscheidet. Diese bieten Platz für viele Arten wie Eidechsen, Schlangen, Kröten, Nagetiere, Schnecken, Käfer, Gliederfüßer, Asseln, Vögel, Bienen und Hummeln. Sie leben aus unterschiedlichen Gründen in der Mauer: Viele sind Jäger, andere suchen Schutz vor Feinden. Der eine liebt den warmen Sonnenplatz außen, der andere den kühlen Schatten drinnen. Viele suchen die kühle Feuchte nahe der Erde, andere den trockenen Unterstand bei Regen. Trockensteinmauern können außerdem Brutstätte, Überwinterungsplatz, Nisthöhle oder Schlafplatz sein.
Gut gemeinte Bauhilfen wie Schotter, Vlies oder Mörtel zerstören einen Gutteil des Lebensraums, da sie den Erdanschluss unterbinden. Und wenn Sie sich an Teil 1 in der letzten Ausgabe erinnern: Diese Dinge schaden nicht nur der Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch der Stabilität der Mauer!
Trockensteinmauern sind Nischen- und Ergänzungsbiotope. Dass diese Vielzahl von Tieren und Pflanzen sich tummelt bzw. gedeiht, setzt Artenreichtum im Umfeld voraus, von dem aus die Mauer besiedelt wird. In der Natur- und Kulturlandschaft ergänzen Trockensteinmauern mit ihren Eigenheiten reichhaltige Biotope wie Trockenrasen, Wiesen, Felssteppen, Waldränder, Buschland und Gewässer. Wer möchte, dass seine Steinmauer im Garten im wahrsten Sinn lebendig ist und ihr volles Biodiversitätspotenzial entfaltet, muss für ein reiches Umfeld mit Wiese, Blühpflanzen, Stauden, Totholz, Wasser und vielen „wilden“ Bereichen sorgen. Trockensteinmauern sind eben nur eine menschliche Ergänzung zur natürlichen Vielfalt.
Trockensteinmauern tragen nicht nur unmittelbar, sondern auch indirekt zur Artenvielfalt bei. So wächst der Mauerpfeffer gerne auf Mauern, und der Fetthennen-Bläuling, eine Schmetterlingsart, lebt von diesem. Die Schneckenhaus-Harzbiene, eine seltene Wildbienenart, brütet in leeren Schneckenhäusern, die sie massenhaft in den Trockensteinmauern oder Steinhaufen findet, weil Schnecken wiederum diese als Lebensraum lieben.
Zunehmend Bedeutung gewinnen Trockensteinmauern für den Biotopverbund. Als lineare Strukturen fördern sie Bewegungen und damit den Genaustausch zwischen Populationen. Sie fungieren als Korridore zwischen Biotopen, auf denen sich beispielsweise Insekten, Reptilien, Amphibien oder Käfer bewegen. In einem Zeitalter, wo die menschliche Baupolitik Lebensräume zerschneidet oder isoliert, zeigt sich: Trockensteinmauern sind das einzige massive Bauwerk, mit dem der Mensch die Natur nicht zerstört, sondern unterstützt.
Umso erfreulicher ist, dass sich das alte Handwerk des Trockenstein-mauerns als immaterielles Kulturerbe der UNESCO nicht nur in der Garten- und Landschaftsgestaltung größter Beliebtheit erfreut, sondern von Regionen zunehmend gezielt für Biodiversitätsprojekte eingesetzt wird. Vorreiter war der Biosphärenpark Wienerwald, wo seit 2008 jährlich zwei Projekte umgesetzt werden. Derzeit läuft ein dreijähriges Projekt in der Modellregion Thermenlinie. Der Dorferneuerungsverein Klein-Pöchlarn schafft seit 2014 neue Steinmauern am Rindfleischberg, einem wahren Juwel an biologischer Vielfalt. Weitere Beispiele für das Entdecken der ökologischen Vorteile von Trockensteinmauern sind der Nationalpark Hohe Tauern, der Naturpark Südweststeiermark, der Biosphärenpark Unteres Murtal, der Weinbauverein Rust, mehrere NÖ Kellergassenvereine sowie die KLAR-Regionen Pinzgau und Kampseen.
So wie die abnehmende Biodiversität ein aktuelles Problem ist, ist dies der Klimawandel, mitverursacht durch hohen Energieverbrauch und CO2-Freisetzung aus fossilen Energieträgern. Auch hier ist die Trockensteinmauer unter allen mineralischen Bauweisen im positiven Sinn unschlagbar. Im Vergleich zu Beton verbraucht sie etwa nur 10 Prozent Energie für ihre Herstellung. Pro Kubikmeter verbautem Material nennen Untersuchungen aus Frankreich für (Stahl)-beton einen Energieverbrauch von 3.750–6.750 Megajoule (entspricht 110–150 Liter Erdöl); die Zementproduktion ist durch Brennen und Mahlen sehr energieintensiv. Trockensteinmauern verbrauchen nur 400 – 500 MJ (10 – 12 Liter Erdöl); eingerechnet sind die Gewinnung und Verarbeitung im Steinbruch sowie ein Transportweg von unter 100 km. Würde man die CO2-Bilanz von Naturstein aus einem heimischen, noch näher gelegenen Steinbruch mit jener von zementbasierten Baustoffen aus dem Ausland mit einem geringeren Anteil erneuerbarer Energie als in Österreich und mit einem weiteren Transportweg vergleichen, schneidet die Trockensteinmauern ökologisch noch deutlich besser ab.
Autor: Mag. Rainer Vogler, Weinbauschule Krems und Trockensteinmauernschule des Vereins Landimpulse
Fotos von Hannes Seehofer und Wolfgang Schweighofer
Filmtipp „Trockensteinmauern – ökologische Wunderwerke“ auf www.agrovideos.at / Stein
Dort finden Sie mehrere Filme über das Trockensteinmauern.
Die zahlreichen Spalten und der große Unterschied zwischen außen und innen locken viele Tiere an, hier eine große Äskulapnatter am Heiligenstein bei Langenlois oder eine Schneckenhaus-Harzbiene
550 Pflanzenarten an Mauern wurden in Krems gezählt. Im Bild Mauerpfeffer, der wichtig für die Schmetterlingsart Fetthennen-Bläuling ist
Die Smaragdeidechse – wohl der berühmteste Bewohner von Trockensteinmauern. Doch sind es Hunderte Arten, von denen Mauern besiedelt sind. An der Mosel waren es bei einer Untersuchung 128 Tierarten mehr als im umliegenden Weingarten
Mauern im Garten können aktiv bepflanzt werden. Thymian-, Mauerpfeffer-, Salbei- und Rosmarinarten, Kakteen, Gräser, Farne, Meerfenchel und Kräuter wie das Bohnenkraut sowie zahlreichen Blumen fühlen sich auf dem trockenen und mineralischen Standort wohl
KURSE der Trockensteinmauerschule in Niederösterreich (Donnertag - Samstag)
20. – 22.08.2026 – Michelbach
17. – 19.09.2026 – Region Kampseen
15. – 17.10.2026 – Schönbuhel an der Donau
Weitere Kurse in Tirol, Steiermark, OÖ und Kärnten.