Teil 1 der Beitragsserie
TROCKENSTEINMAUERN
Überall dort, wo es Steine gibt, hat der Mensch schon immer dauerhafte Bauwerke aus Stein errichtet. Was sind überhaupt Trockensteinmauern? Einfach gesagt: Mauern nur aus Stein, kunstvoll mit möglichst wenig Hohlräumen, dafür mit viel Berührungs- und Reibflächen der Steine miteinander, zusammengefügt. Kein Lehm, Sand oder Schotter dazwischen oder dahinter. Auch kein Vlies, schon gar kein Mörtel. Auch wenn es manchmal diesen Aberglauben gibt und vereinzelt noch immer technisch falsche Bauanleitungen insbesondere im Internet kursieren: All diese vermeintlichen Hilfen schaden sowohl der Stabilität als auch der Ökologie.
Der große technische Vorteil von Trockensteinmauern am Hang liegt in der Wasserdurchlässigkeit und in der Elastizität, welche vermörtelte Mauern nicht aufweisen. Auch ein Vlies dahinter verklebt oder reißt im Laufe der Jahre bzw. Jahrzehnte. Dann wird an dieser Stelle die Belastung der Mauer umso größer. Gefriert Wasser, entstehen zwischen 2.000 und 3.000 bar Druck. Bei etwa 30 (pannonischer Klimaraum) bis zu 120 Frostzyklen (alpiner Raum) pro Winter in Österreich muss eine Mauer ganz schöne Kräfte aushalten, wenn feuchte Erde hinter einer Böschungsmauer gefriert. Staut Wasser an Sammelstellen hinter einer undurchlässigen Mauer, ist diese Belastung noch größer. Untersuchungen mit Wasserflutungen an einer italienischen Maurerschule zeigen, dass Trockensteinmauern deutlich stabiler sind: Der Unterschied der Belastbarkeit im Vergleich zu einer eisenarmierten Betonmauer ist sogar deutlich höher als der Unterschied zwischen Betonmauern mit und ohne Eisenbewehrung.
Betrachtet man zusätzlich die Lebensdauer des Werkstoffs, gewinnt wiederum die Trockenbauweise. Wer glaubt, mit Beton die Mauer besser zusammenhalten zu können, liegt falsch: Üblicher Beton ist druckfest, aber nicht zugfest. Hinsichtlich der Lebensdauer geben Richtwerte für bewitterten Beton 60–80 Jahre, für Fugenmörtel und Sichtmauerwerk 30–40 Jahre an. Die ältesten Steinmauern Europas sind 12.000 Jahre alt, in Österreich lassen sich zumindest tausend Jahre alte Mauern nachweisen. Derart lange Lebensdauern setzen verwitterungsbeständiges Gestein voraus, und dass die Steinmauer nicht anderwärtig beschädigt wird.
Außer Wasser und Frost sind nämlich Holzpflanzen mit ihrer Sprengwirkung durch das Dickenwachstum Feinde der Trockensteinmauer. Bewuchs von Waldrebe, Götterbaum, Robinie oder Efeu führen im Laufe der Zeit unweigerlich zu Schäden. Je nach Wurzelwachstum von Nutz- oder Ziergehölzen empfiehlt sich, dass Bäume oder Sträucher nur mit entsprechendem Respektabstand von der Mauer den Garten oder Hang zieren sollen.
Abgesehen von der höheren Stabilität von Trockensteinmauern ist sich auch die Tierwelt einig: Mörtel oder Folien sind hinderlich. Sie verhindern nämlich das Verkriechen ins geschützte und kleinklimatisch konstantere Mauerinnere und machen das Einwandern in die feuchtere Erde bzw. die Eiablage in den lockeren Boden hinter der Steinmauer unmöglich.
Die Wachau ist nicht zuletzt wegen der von Steinmauern geprägten Terrassenlandschaft seit 25 Jahren Weltkulturerbe. Alle Trockensteinmauern wiederum sind sichtbare Ergebnisse des immateriellen Kulturerbes, das in Österreich zumindest dreieinhalbtausend Jahre nachgewiesen ist. 2021 wurde dieses Handwerk von der UNESCO auf nationaler Ebene, 2024 auf internationaler Ebene als Kulturerbe der Menschheit gelistet. Die Verleihung der UNESCO-Urkunden an alle einreichenden Länder fand im Herbst 2025 beim Weltkongress Trockensteinmauern an der Wein- & Obstbauschule Krems statt.
Die sichtbaren Zeugen des alten Handwerks sind vielfältig. Trockensteinmauern stützen Forstwege, begrenzen Almen, sind die Fundamente von Holzstadeln oder Hütten. Alte Häuser oder Almhütten waren früher Trockenbauten. Wer denkt bei Steinmauern an die Weinberge in Retz und Falkenstein, südlich von Wien in der ganzen Thermenregion, am Leithaberg oder gar in Rust am Neusiedler See? Kennen Sie die mehrere Jahrhunderte alten Mauern ehemaliger Weinterrassen, die kilometerlang die Wälder nördlich der Donau bei Klein-Pöchlarn durchziehen?
Auch im Weitental bezeugen zahlreiche Mauern den historischen Weinbau weit ins Waldviertel hinauf.
Sandsteinmauern zierten viele Kellergassen im Weinviertel. Häufig wurden sie bei Umgestaltungen oder wegebaulichen Maßnahmen durch Betonmauern ersetzt. Umso erfreulicher ist, dass zunehmend in vielen Regionen und Gemeinden Trockensteinmauern mit ihren technischen und ökologischen Vorteilen neu entstehen; sei es zur Verschönerung oder zur Förderung der Biodiversität.
Kürzlich schrieb ein Journalist, dass, wer Steinmauern selbst baue, eine nachhaltige Charakterschule durchlaufe. Tatsächlich erfordert das fachgerechte Verlegen von Steinen nicht nur viel Übung, sondern Geduld und Konzentration. Man denkt an jeder Stelle voraus, sucht Steine, merkt sich andere für später und macht weiter und weiter. Die geistige Arbeit lässt die körperliche Anstrengung vergessen. Erst nachträglich spürt man die bis zu drei Tonnen verlegten Stein eines Arbeitstages. Bewegt hat man tatsächlich mehr, denn nicht alle Steine passen beim ersten Griff. Wer sich das Trockensteinmauern als erdverbundene und bodenständige Arbeit vorstellt, liegt also richtig. Mehr noch, man spürt die Energie der Steine und man freut sich an der Schönheit des Werkes aus eigener Hand. Nicht umsonst zählen historische Steinbauten oft als Kraftplätze – und bei selbst gebauten Mauern verschmilzt die eigene Körperkraft mit der Energie von Erde und Stein.
Das macht das Steinmauern zu einer schönen Beschäftigung im eigenen Garten oder ums eigene Haus. Tatsächlich eignet es sich auch als therapeutische Arbeit und wurde in mehreren Projekten auch gezielt eingesetzt. Beim gemeinsamen Werken verbindet das Handwerk Menschen, für Alleinschaffende ist es eine nachhaltige Meditationsübung. Kinder spüren die Möglichkeiten der Steine oft besser als Erwachsene. Neben Kursen für Erwachsene ist die Nachwuchsarbeit der Trockensteinmauernschule Österreich ein besonderes Anliegen. Mit der Region Wachau läuft ein Projekt, bei dem die Oberstufen der Welterbeschulen zu einem Workshop zu Weingartenmauern beim Roten Tor in Spitz kommen. Schülerinnen und Schüler der NMS Pöchlarn radeln alljährlich zu einem Projekttag Trockensteinmauern zum Rindfleischberg in Klein-Pöchlarn. Dank der mobilen Steinwerkstatt können Kinder spielerisch bei Ausstellungen, Handwerksmärkten oder auf der Garten Tulln das Handwerk entdecken. Tatsächlich zeigen manche Kinder dabei neben großem Interesse eine Geduld, Kreativität und dreidimensionale Vorstellungskraft, die Erwachsenen schon teilweise fehlt oder die durch Medienkonsum verloren geht. Und das ist wichtig für die Zukunft unserer Landschaft und Gärten. Je früher und öfter Kinder Stein „begreifen“, desto nachhaltiger und ökologischer wird das Bauen der Zukunft sein.
Autor:
Mag. Rainer Vogler
(Weinbauschule Krems und Trockensteinmauernschule des Vereins Landimpulse)
2013 erhielt der Platz hinter der Kirche in Kettlasbrunn ein neues Gesicht
Kreativität und Geduld beweisen viele Kinder, entweder bei Schulworkshops an echten Böschungsmauern oder bei der Steinwerkstatt auf der Garten Tulln und anderen Veranstaltungen.
Romantisch schön und doch kraftvoll ziert eine Trockensteinmauer mit Sitzbank die Kellergasse Hühnerkoppel in Obernalb. Ein altes Foto dokumentiert, dass unmittelbar nebenan vor rund 50 Jahren eine längere Steinmauer die Böschung entlang der Kellergasse stützte.
Einen ganzen Hang am Kirchenberg gestalteten die Gemeinde Heldenberg und der Dorferneuerungsverein in Glaubendorf. Eine Mischung aus rustikaler Mauer und Zierelementen machen die vier Terrassen zu einem Blickfang.
Lesen Sie mehr im Teil 2 zum Thema:
Trockensteinmauern sind ökologische Wunderwerke
KURSE der Trockensteinmauerschule in Niederösterreich (Donnertag - Samstag)
23. – 25.04.2026 – Sitzendorf an der Schmida
28. – 20.05.2026 – Klein-Pöchlarn
25. – 27.06.2026 – Gumpoldskirchen
20. – 22.09.2026 – Michelbach
17. – 19.09.2026 – Region Kampseen
15. – 17.10.2026 – Schönbuhel an der Donau
Weitere Kurse in Tirol, Steiermark, OÖ und Kärnten.