Liechtenstein Schloss Wilfersdorf

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Manche Orte entfalten ihre wahre Pracht erst auf den zweiten Blick. Denn nicht nur Prunkstiegen oder reiche Stuckdecken sind ein Kriterium für Erhabenheit.

Das barocke Liechtenstein-Schloss Wilfersdorf im nordöstlichen Weinviertel beeindruckt durch Kontinuität und Nachhaltigkeit – und das gleich auf mehreren Ebenen. Seit 1436 durchgehend in der gleichen Hand symbolisiert der Standort die Präsenz des Fürstenhauses Liechtenstein in einer Region, die historisch mit den südmährischen Besitzungen der auf tschechischer Seite u. a. enteigneten Schlösser Feldsberg/Valtice sowie Eisgrub/Lednice eine Einheit bildete.

Das heutige Erscheinungsbild des Bauwerks wurde durch den kaiserlichen Obersthofmeister Anton Florian von Liechtenstein (1656–1721) geprägt. Im Zuge dieser Barockisierung transformierte er die vierflügelige Renaissance-Anlage, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine gotische Wasserburg überformt hatte. Als Architekt für den Umbau (1713–1721) wählte der einflussreiche Bauherr Anton Johann Ospel (1677–1756), dessen Bedeutung in der 2007 erschienenen Monografie von Christiane Salge gewürdigt wird. Inspiriert durch Aufenthalte in Rom und Barcelona war der Schüler des berühmten Fernando Galli Bibiena „als Architekt in Wien, Niederösterreich und Mähren für die Zeit von 1715 bis 1735 nachweisbar“, so Albert Ilg in Band 24 der Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien im Jahr 1887. Ospel war auch bei den fürstlichen Aktivitäten zur Schlossgestaltung in Südmähren involviert und zu seinen späteren Werken zählt das Bürgerliche Zeughaus der Stadt Wien, heute Feuerwehrzentrale Am Hof 10. Durch Archivmaterial der Kanzlei belegt, beschreibt Franz Thiel in „Heimat im Weinland“ (1971): „Für den Schlossbau führten die Bauern Steine und Sand von Neusiedl und Prinzendorf […]; die Ziegel kamen von Walterskirchen, Prinzendorf und Mistelbach.“ Am Bau arbeiteten Steinmetzmeister, Bauschreiber und Stukkateure aus (Mährisch) Kromau. Auch das Verlegen einer Wasserleitung mit 192 Rohren wird in den Aufzeichnungen genannt.

Liechtenstein-Schloss Wilfersdorf ist als „Torso“ erhalten, da 1802 die stark baufällig gewordenen Nord-, Ost- und Südtrakte verlustig gingen. Der fundierte Eintrag der IMAREAL-Datenbank NÖ-Burgen online beschreibt das zweigeschoßige Bauwerk mit Walmdach und strenger Barockfassade: „Der geschwungene Sprenggiebel ist mit einer Uhr und dem figurengeschmückten Wappen der Liechtenstein versehen. Die durch Pilastergliederung starke Vertikalgliederung des Zentrums wird u. a. durch einen oberhalb des Tores vorkragenden Balkon mit Schmiedeeisengeländer gemildert.“ Zum repräsentativen Tor führt eine zweiflügelige Rampe mit Balustrade.

Bis zur Verlagerung der Gerichtsbarkeit durch die österreichische Verwaltungsreform 1848 war das Landgericht der Herrschaft, die um 1786 vier Märkte und 9 Dörfer umfasste, im Schloss ansässig, das im Lauf der Jahrhunderte nur wenige Jahrzehnte als Wohnstätte gedient hatte. Wilfersdorf war Sitz der Amtsverwaltung und des Wirtschaftsinspektorats der fürstlichen Güter. Mit dem Guts- und Forstbetrieb Wilfersdorf beherbergt das Schloss in fortlaufender Tradition die Verwaltung des größten Agrarbetriebs Österreichs: Ackerland, Bioanbau, Forst- und Weingärten werden vom Standort aus umweltgerecht und ökologisch umsichtig betreut. Die ebenerdig nordwärts ausgerichteten Büroräumlichkeiten beanspruchen nur rund 20 Prozent der Nutzfläche des Schlosses, die verbleibenden 80 Prozent werden öffentlich genutzt. Aus dem ehemaligen südseitig gelegenen Arbeitsbereich der Gutsverwaltung wurde bei der groß angelegten Renovierung ab 2002 ein Festsaal, unter dessen Stichtonnengewölbe Veranstaltungen wie etwa der Wilfersdorfer Kulturherbst (11.09.–23.10.2025) stattfinden. Im Keller sind die Gebietsvinothek und ein Heuriger untergebracht. Das gesamte Obergeschoß ist seit 2002 unter dem inhaltlichen Schwerpunkt der fürstlichen Dynastie einer musealen Nutzung gewidmet, die 2013 als Ergebnis eines INTERREG-Projektes neu gestaltet wurde. Das nordwestliche Nebengebäude mit einem Heimatmuseum feiert 2025 sein 40-jähriges Bestehen. Dessen Gründung und Aufbau unter Hans Huysza war schließlich auch wichtiger Impulsgeber für die Öffnung des Schlosses. Die Investitionssumme von rund einer Million Euro für die Renovierung des historischen Bauwerks um die Jahrtausendwende wurde zu einem Drittel vom Land Niederösterreich, zu einem Drittel von der visionären Gemeinde als (spätere) Pächterin und zu einem Drittel vom Guts- und Forstbetrieb Wilfersdorf der Liechtenstein Gruppe getragen.

Unter Einbindung des Bundesdenkmalamtes, das vier Prozent des Gesamtvolumens finanzierte, setzte der Wolkersdorfer Architekt Peter Wenzel die Erhaltungsmaßnahmen um. Für die gelungene Realisierung vergab die Landesinnung Bau Niederösterreich 2002 den ersten Preis des Dorferneuerungspreises. Indessen wird in Wilfersdorf beständig im Sinn neuer Ziele weitergedacht.

Autorin: Dr.in Theresia Hauenfels
Fotos:     Romana Fürnkranz