Neuer Streckhof in Göttlesbrunn

Der Altbestand war nicht mehr zu retten, die Bauherren aber wollten in einem Streckhof wohnen. Der neue Streckhof wirkt, als wäre er immer schon da gewesen.
Traditionelles Haus mit weißer Fassade, grünem Tor und rotem Ziegeldach, umgeben von gepflegtem Garten, gepflastertem Hof und weiteren Gebäuden, unter blauem Himmel mit wenigen Wolken.
Moderner, heller Essbereich mit großem Holztisch, stilvollen Hängelampen, schwarzen Stühlen, Dekorationsfotos, Herzkranz und Topfpflanze im Vordergrund. Hohe Fenster sorgen für viel Licht.

EIN STRECKHOF WIE NOCH NIE | Ein Neubau nach bewährtem Muster

Der Altbestand war nicht mehr zu retten, die Bauherren aber wollten in einem Streckhof wohnen. Architekt Klaus-Jürgen Bauer teilte ihre Liebe zum Bautyp. Er plante einen neuen Streckhof, der so wirkt, als sei er schon ewig da. Innen aber wohnt es sich luftig, modern und weit.

Viele Auszeichnungen hängen unter Glas auf dem Einfahrtstor des Weinguts Markowitsch in Göttlesbrunn. Schon die Großeltern des Bauherren lebten in dem alten Streckhof, hinter dessen eingeschnittener Doppeltür eine andere Welt beginnt. Über vierzig Meter ziehen sich die zwei eingeschoßigen, weiß gekalkten Wohntrakte von der Pfarrgasse im Nordwesten die Grundstücksränder entlang nach Südosten. Efeu rankt die Mauern hoch, irgendwo plätschert ein Brunnen, ein Weg führt an üppigen Pfingstrosen und Grünpflanzen entlang zu einem Gebäude aus den 1990er-Jahren, wo heute verkostet wird und früher ein Stadel stand. Das ist typisch Streckhof: an der Straße das Einfahrtstor, dahinter Stube und Küche als Zugang zum Hof, dann Kammern und Wirtschaftstrakten. Die quer gestellten Stadel am Ende der Parzellen waren Lager und Traktorengarage, bevor die Felder begannen.

1996 zogen Christine und Gerhard Markowitsch in den Streckhof, eine gemischte Landwirtschaft wurde zu einem der besten Weingüter Österreichs. Immer brauchte jemand was, ihr Bedarf nach Rückzug wuchs, am südwestlichen Nachbargrund stand ein altes Bauernhaus mit Stadel. „Wir wollten wieder in einem Streckhof leben“, sagt Gerhard Markowitsch. „Wir lieben diese Wohnform.“

Die Stichwortsuche führte zu Architekt Klaus-Jürgen Bauer, in dem sich kenntnisreiche Expertise mit großer Liebe zum Streckhof verbanden, bevor ihn ein aggressiver Krebs viel zu früh aus dem Leben riss.

Eine Art besseres Selbst
Der Altbestand war nicht zu retten. „Das Haus wurde leider – vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg – so nachteilig und mit unpassenden Materialien verbaut, dass eine Umgestaltung nicht mehr infrage kam. Abbruch. Eine Lücke klaffte in der Dorfzeile“, schreibt Bauer über das Projekt. Einzig der alte Stadel blieb. „Von Anfang an war klar, dass der dort gestandene Hof wiedererstehen soll: als eine Art besseres Selbst.“ Das ist gelungen.

Der neue Streckhof wirkt, als wäre er immer schon da gewesen. Massive Wärmedämmziegel, innen und außen mit Sumpfkalk verputzt, Holzkastenfenster mit Läden, vom Tischler gefertigt und von Putzfaschen gerahmt, streckhofgemäß proportioniert. Innen jedoch wünschten sich die Bauherren ein großzügiges, helles, modernes Lebensgefühl – mit Pool und großer Wohnküche. Das Paar ist gastfreundlich und gesellig, die Familie groß, Christine Markowitsch eine leidenschaftliche Köchin. „Wir wollten den Streckhof modern interpretieren“, sagt Gerhard Markowitsch. An der Straßenfront liegen Bad, Schlafzimmer und Gäste-WC. Gleich beim Eingang beginnt die Wohnküche: Unter dem verglasten Giebel eines Satteldachs öffnet sich ein bis zum First zehn Meter hoher, lichtdurchfluteter Raum von loftartiger Weite. Sie verdankt sich auch der Entscheidung, einen massiven Holzleimbinder durch mehrere, zartgliedrige Zugbänder aus schwarzem Stahl zu ersetzen.

Außenraum als Teil des Hauses
„Es war kompliziert“, sagt Gerhard Markowitsch, der auch die Bauaufsicht überhatte. „Hier ist alles aus dem Winkel.“ Die Parzelle verjüngt sich nach hinten, ihre südwestliche Längskante macht einen Knick, wodurch sich die Terrasse unter dem riesigen Dachvorsprung trapezförmig erweitert. Drei breite, weiße Wandpfeiler, die ein wenig an Arkaden erinnern, rahmen sie hofseitig und nehmen dabei die Flucht der Außenmauer auf. Diese aber springt im Wohnbereich zurück und schafft so eine Nische für Tisch und Eckbank. Zwölf Personen und mehr können hier sitzen. Die Mauer umfasst den Essbereich und löst sich beim Wohnen in hohe Säulen und Fenstertüren auf, auch der Giebel ist beidseitig.

Wesentlich war auch, dass der Außenraum Teil des Hauses wird. „Wir haben viele verschiedene Schattenplätze, sonst könnten wir das gar nicht nutzen. Unsere Sommer sind sehr heiß“, so die Bauherren. Im Südosten entsteht hinter dem Esstisch draußen unter dem Dachvorsprung ein Schattenplatz, die gedeckte Terrasse ums Eck geht weiter in den Garten über. Über das gesamte Grundstück fällt das Gelände rund eineinhalb Meter ab, daher ist der Garten terrassiert – und wunderschön bepflanzt. Wo früher traditionell der zweite Wohnflügel war, schmiegt sich ein zweistöckiges Häuschen in das straßenseitige Eck des Grundstücks. Hier können Gäste und Familienmitglieder übernachten.
„Es ist, als wohnten wir schon ewig da“, sagt die Bauherrin. Was für ein Kompliment!

Eigentümer: Christine und Gerhard Markowitsch 
Planung: Architekt Dr. Klaus-Jürgen Bauer
Autorin: DI Isabella Marboe
Fotos: Romana Fürnkranz