Sanierung eines Bauernhofes im Weinviertel

Sanierung mit viel Gespür und Respekt für den Bestand. Der historische Streckhof besticht durch ökologische Bauweise und offene Raumstrukturen. Natürliche Materialien, gelebte Nachhaltigkeit, wiederverwendete Möbelstücke und eine große Leidenschaft für Bücher und Sammeln schaffen ein einzigartiges Zuhause.
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RESPEKT FÜR DEN BESTAND | Sanierung eines stillgelegten Bauernhofes

Ein alter, stillgelegter Bauernhof im Weinviertel wurde mit viel Respekt für den Bestand saniert und zu neuem Leben erweckt. Der historische Streckhof besticht durch ökologische Bauweise und offene Raumstrukturen. Natürliche Materialien, gelebte Nachhaltigkeit, weiderverwendete Möbelstücke und eine große Leidenschaft für Bücher und Sammeln schaffen ein einzigartiges Zuhause.

Würde der Maler Carl Spitzweg heute leben, er würde sein berühmtes Motiv „Der Bücherwurm“ aus dem Jahr 1845 möglicherweise nach Ginzersdorf im Weinviertel transferieren. Denn hier wie dort spielen Bücher eine Hauptrolle. Sie stehen in zahllosen Regalen, stapeln sich auf Tischen, füllen ganze Räume. Nicht überraschend, denn die Eigentümer des umfassend sanierten, ehemaligen Bauernhofes haben aufgrund ihres beruflichen Backgrounds beide eine hohe Affinität zu Büchern.
Man wollte raus aus der Großstadt, aber die Entscheidung, ins nördliche Weinviertel zu ziehen, war schließlich einem Zufall geschuldet. „Wir kannten den alten Hof, er hat uns immer begeistert. Plötzlich stand er zum Verkauf und wir haben das Abenteuer einer Generalsanierung gewagt“, erklären die Eigentümer. Mit der Planung und Durchführung wurde DI Friedrich Bitzinger beauftragt.

Sanierung mit Respekt vor der Substanz
Das Areal erstreckt sich über 3.000 m2, auf dem ehemaligen Bauernhof gab es, Hühner, Schweine, Kühe und Pferde. Das Ensemble ist ein Streckhof nach Weinviertler Vorbild, den großen Innenhof säumen, neben diversen anderen Wirtschaftsgebäuden, teilweise noch erhaltene alte Stallungen. Generalsaniert wurden vorerst das ehemalige Wohngebäude und ein angrenzender Stallbereich.
„Ziel war es, den Charakter eines alten bäuerlichen Gebäudes zu erhalten, zugleich aber durch ökologische Baustoffe wie Glasschaumgranulat, Lehm, Perlite, Mineralschaumplatten und Zellulose den Heizwärmebedarf auf Niedrigenergiegebäude-Standard zu reduzieren“, erklärt Fritz Bitzinger seinen Zugang zu diesem Projekt. Auf Zement wurde, außer bei den Fliesen in den Nassräumen, verzichtet. Eine Bauteilaktivierung wurde mittels Außenluftwärmepumpe kombiniert mit vollflächiger Fußbodenheizung im Lehmestrich umgesetzt. Der Lehmverputz und der Dielenboden erzeugen nicht nur optisch ein angenehmes Raumklima.

Offene Räume, gelebte Sammlerleidenschaft
Der ehemalige Kuhstall und der ehemalige Pferdestall sind heute der Schlafbereich, eine gewölbte Ziegeldecke zeugt dort von alten Zeiten. Aber nicht nur die natürlichen Materialien, die bei der Sanierung verwendet wurden, machen das Objekt so wohnlich. Im Innenbereich gibt es keine Türen, ein Raum verschmilzt mit dem nächsten, es dominieren offene Bücherregale, alte Möbel und umfunktionierte Gebrauchsgegenstände und fördern ein Gefühl der Geborgenheit. „Wir lieben gebrauchte Dinge, wir haben bis auf zwei Teile alles verwendet, was im Haus vorhanden war“, erklärt das Eigentümerehepaar seine Sammlerleidenschaft. Und so findet man in der Küche eine ehemalige Fleischbank als Arbeitsplatte auf einem alten Nähmaschinentisch neben gestapelten alten Lederreisekoffern, die als Beistelltisch verwendet werden, keiner der alten Esstischstühle gleicht dem anderen und es gibt alte Küchenkredenzen im Wohnzimmer anstatt üblicher Einbaukästen. Und egal ob Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Arbeitszimmer: überall Bücher, Bücher, Bücher.

Klimatischer Puffer
Entlang der Längsseite des Wohntraktes befindet sich der für diese Gegend typische Arkadengang, die sogenannte „Trettn“, die vor Regen und – bei heißen Tagen im Sommer – die dahinterliegenden Räume vor Hitze schützt. Integriert in diese Trettn war immer ein der Zeit entsprechendes „Toilettenörtchen“, dieses wurde mitsaniert und ist heute ein Abstellraum, ins Mauerwerk integrierte Sitzbänkchen entlang der Trettn laden zum Verweilen ein.
Über die Trettn gelangt man in den Innenhof, wo früher der Misthaufen lag, erfreut man sich heute an Gemüsegärtchen und Hochbeeten.
Im großen Gartenbereich in Richtung „Hintausweg“ liegt eine Naturwiese mit einheimischen Wildblumen, Kräutern und Gräsern, die als Lebensraum für Insekten und Vögel dient. In der kleinen Wasserlandschaft daneben tummeln sich im Sommer Libellen, Wasserläufer, Rückenschwimmer und vieles mehr. Wiese und Teiche wurden vom Eigentümerehepaar angelegt, um diesen Tieren hier Platz zu geben.
Im Innenhof, gegenüber der Trettn, sieht man in der alten Wagenhütte ein kleines Holzhäuschen. Man könnte eine Sauna vermuten, aber weit gefehlt! Hier lagern all jene Bücher, die im Wohnraum keinen Platz mehr gefunden haben. Darunter befindet sich – wie könnte es anders sein – ein vollständiges Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden.

Eigentümer: privat
Planung: DI Friedrich Bitzinger
Autorin: Susanne Haslinger
Fotos: Romana Fürnkranz