Vom Zauber am Kamp
Seit die historische Befestigungsanlage auf einem Granitfelsen oberhalb des linken Kampufers im Jahr 1962 von der Niederösterreichischen Elektrizitätswirtschafts AG (NEWAG), heute EVN, in Pacht übernommen wurde, ist die Öffnung des Monuments für touristische Zwecke ein immer wiederkehrendes Thema. Das Schloss Ottenstein befindet sich seit den 1950er-Jahren im Besitz der Windhag Stipendienstiftung für Niederösterreich, die auch das zugehörige Forstgut betreibt.
In der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg war es unter sowjetischer USIA-Verwaltung. Davor war das Schloss Ottenstein im Zuge der Schaffung des Truppenübungsplatzes Allentsteig (vormals: Döllersheim) 1939/40 durch Zwangsverkauf in das Eigentum der deutschen Heeresgutsverwaltung übergegangen, wie man bei Andreas Zajic und Thomas Kühtreiber im Online-Eintrag der Datenbank noeburgen.imareal.sbg.ac.at des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) nachlesen kann. Aktuell wird es als Hochzeitslocation des Hotels Ottenstein betrieben.
Vielgestaltige Bauformen
In der 1911 erschienenen Publikation von Paul Buberl „Die Denkmale des politischen Bezirkes Zwettl“ ist dem Schloss Ottenstein ein großes Kapitel gewidmet. Darin werden die Bauphasen umrissen und eingeteilt: in die Zeit der Errichtung als Höhenburg mit dem romanisch-gotischen Burgkern im 12. Jahrhundert, in die Erweiterung in der Ära der Renaissance (um 1530), in das Barockzeitalter mit Umbauten ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die unter Baumeister Georg Wolff erfolgten, sowie in die Phase der Adaptierung 1867–1878 im Zuge einer Restaurierung durch Baurat Ludwig Wächtler, dem Ottenstein seine historisierenden rot-weiß-roten Fensterländen wie auch die Umwandlung der Turmdächer von ihrer barocken Zwiebel- in spitze Kegel- bzw. Zeltform verdankt.
In der bereits eingangs erwähnten wissenschaftlichen Datenbank wird die Anlage kompakt beschrieben. Eine steinerne Brücke, deren Zugang von steinernen Wächtern in Hundeform flankiert wird, führt in den zentralen Part. Zu diesem gehört der etwa 20 Meter hohe Bergfried mit einer Grundfläche von zehn mal zehn Metern, dessen Mauernstärke über zwei Meter beträgt. Weiters der Bereich mit der romanischen Kapelle, deren Fresken einzigartig sind, sowie das eigentliche Schloss, welches auch den vormaligen Palas umfasst, in dem sich die barocke Schlosskapelle befindet.
Zur Baugeschichte erklärt Gerhard Reichhalter (IMAREAL): „Der schlossartige Ausbau unter den Lamberg um 1679/80, der möglicherweise durch die Belagerungen von 1620 und 1645 während des Dreißigjährigen Krieges notwendig wurde, führte zur noch heute erkennbaren Gestalt. Aus dieser Zeit stammt die vereinheitlichende Fassadengliederung mit den regelmäßigen Fensterachsen und die überformende Innenadaption der mittelalterlichen Bauteile.“
Außergewöhnliche Fresken
Zu den Besonderheiten der Innenausstattung zählt das „Päpstezimmer“ im Osttrakt des Hauptgebäudes, das von Leopold Joseph von Lamberg (1654–1706) beauftragt wurde und zugleich das Oratorium zur barocken Schlosskapelle darstellt. Die Freskoporträts von 241 Päpsten, die erst im Zuge einer Restaurierung Mitte der 1870er-Jahre wieder freigelegt wurden, entstanden 1687/1688 aus der Hand des italienischen Künstlers Maurizio Andora. Auf goldenem Untergrund sind die Charakterköpfe Reihe um Reihe abgebildet, jeweils durch ein weißes ringförmiges Band mit Inschrift voneinander separiert. Die 1700 beauftragte Serie der Kardinalbilder fiel in die Zeit von Lamberts Wirken als Gesandter in Rom.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Ortes ist die mittelalterliche Burgkapelle, die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Gesindespeisestube“ genutzt wurde, wie Paul Buberl 1911 festhielt. Die außergewöhnlichen romanischen Fresken, bei einer Restaurierung Mitte der 1970er-Jahre wiederentdeckt, stellen in ihrem ikonografischen Programm Christus als Pantokrator dar, thematisieren aber auch weitere Stationen im Leben und Wirken von Jesus. Auch die vier Evangelisten und die vier Kardinaltugenden sind symbolisch repräsentiert. Im „Gesamtkunstwerk Schloss Ottenstein“ verdichten sich einprägsame Epochen niederösterreichischer Kulturgeschichte: inmitten der märchenhaften Landschaft des Kamptals.