Versteckt in einem schmalen Seitental bei Klein-Mariazell, nordwestlich von Altenmarkt an der Triesting, liegt ein historisches Hof-Ensemble – ein Zeugnis bäuerlicher Architektur. Es befindet sich inmitten der dichten Wälder des Wienerwalds. Bereits vor mehr als 700 Jahren wurde hier die erste Hofstadt, ein bäuerliches Anwesen, gegründet. Neben dem umfassend sanierten Wohnhaus, das heute als Wohn- und Ateliergebäude dient, gruppieren sich weitere Bauten: eine alte Wagenscheune mit dem darüberliegenden Körnerboden, ein Heustadel, eine kleine Holzhütte samt Presshaus, eine kleine Pflughütte sowie eine bescheidene Kapelle. Nur der ehemalige Stall ist verschwunden – er wurde zur Garage umfunktioniert. Auch ein altes Dörrhaus gehört zu diesem charakteristischen Hof-Ensemble, das mit gleicher Sorgfalt revitalisiert wurde wie das Hauptgebäude.
Weiterdenken, weiterbauen, weiternutzen
Der Bauherr kann sich noch gut an seine Kindheit erinnern, als Großeltern, Eltern und Geschwister – insgesamt sieben Personen – auf engstem Raum unter einem Dach zusammenlebten. Die einzelnen Räume des Steinhauses haben im Laufe der Jahrhunderte viele Wandlungen erfahren: Zimmer wurden vergrößert bzw. verkleinert, umfunktioniert und den damaligen Bedürfnissen angepasst.
Auch die Gebäudeform wurde mehrmals erweitert. Dabei war damals wie heute besonders wichtig, dass die neu hinzugefügten Bauteile in gleicher Bauweise und im gleichen Stil eine harmonische Einheit bilden. Somit ist heute kaum zu unterscheiden, wo Alt und Neu aufeinandertreffen.
Bemerkenswert ist, dass sogar die Steine des neuen Zubaus einen identischen Farbton aufweisen, weil sie aus dem uralten eigenen Steinbruch stammen. Das zeigt eine konsequente Verwendung regionaler Materialien. Was heute als nachhaltiges Bauen mit lokalen Ressourcen bezeichnet wird, war früher eine Notwendigkeit. Man baute mit Materialien aus der unmittelbaren Umgebung. So stammten bereits die Steine für den ersten Bau um 1300 aus dem kleinen Steinbruch im Wald, der auch heute noch im Familienbesitz ist. Diese wurden seinerzeit mühevoll mit Ochsenkarren zum Bauplatz transportiert.
Was dem Gebäude heute seine charakteristische Erscheinung verleiht, war zunächst nicht sichtbar: Jahrzehntelang war das Steinmauerwerk weiß verputzt. Immer wieder auftretende Feuchtigkeitsschäden ließen den Putz abplatzen. Der Bauherr entschied sich für einen radikalen Schritt: Der gesamte Putz wurde abgeschlagen. In mühevoller Handarbeit wurden alle Steine abgebürstet, die Fugen ausgekratzt und neu verfugt. Die Herausforderung der Feuchtigkeit konnte durch eine fachgerecht verlegte Drainage und einen umlaufenden Betonkranz gelöst werden.
Abgesehen vom Steinmauerwerk prägen auch die alten Kastenfenster samt Fensterläden das heutige Erscheinungsbild. Die gemauerten Ziegelstürze samt Fensterstöcken stammen sogar noch aus Urgroßvaters Zeiten. Lediglich die Lärchenfenster mussten im Laufe der Zeit ausgetauscht werden. Lärchenholz aus dem eigenen Wald kam auch bei der Holzverkleidung der Giebelfronten und entlang der Traufe zum Einsatz. Das Dach war ganz ursprünglich mit Lärchenschindeln gedeckt und wurde im Laufe der Zeit auf Dachziegel umgestellt. Eine wichtige Vorgabe bei der Planung war es, dass Bestand und Erweiterung die gleiche Firsthöhe erreichen, was auch in der Umsetzung fabelhaft gelungen ist.
Alt-Neu-Momente
Beim Betreten des Gebäudes empfängt einen ein großzügiger Eingangsbereich mit Blick in den Wald. Der Giebel wurde mit einer großzügigen Verglasung aus Fichtenleimholz geöffnet und schafft so eine direkte Verbindung zur umgebenden Natur. Dieser neu geschaffene Bereich beherbergt das Wohn- und Esszimmer mit einer einladenden Galerie samt Arbeitsbereich. Wohingegen im Bestand Küche, Schlafzimmer und Sanitärbereich untergebracht – sind teilweise in neuer Anordnung.
Für besondere Raumerlebnisse sorgen gewisse Alt-Neu-Momente, die die verschiedenen Epochen des Hauses sichtbar machen. So befindet sich heute die alte Steinwand, die einst Außenwand des Gebäudes war, direkt im Galeriebereich. Beinahe die gesamte Giebelfläche ist sichtbar bis unters Dach. Im Dachgeschoß wurde der alte Dachstuhl als prägendes Gestaltungselement sichtbar belassen. Zur Stabilisierung wurde er behutsam aufgedoppelt und mit einer Sichtschalung versehen. Sogar die alte Dachbodentür mit ihrem ursprünglichen Kastenschloss blieb an Ort und Stelle – kleine, aber wichtige Details, die das authentische Raumerlebnis prägen. Auch der alte Kasten – ein Heiratsgut aus dem Jahr 1790 – fand wieder einen Platz im Gebäude und ist stiller Zeuge der langen Familiengeschichte.