Umbau in Klosterneuburg

Das im Workshop für das Projekt erarbeitete Leitmotiv „Symbiose der Gegensätze Alt und Neu“ ist hier Methode: Das Brauchbare wird respektiert, erhalten und weitergebaut. So entsteht ein Zuhause für eine fünfköpfige Familie, ohne die Geschichte des Ortes zu verlieren.
Klosterneuburg Alleestrasse23 WS 16
Klosterneuburg Alleestrasse23 WS 126

IM AUSTAUSCH ENTWERFEN | Simultan Planning im Wienerwald

Ein architektonischer Entwurf entsteht oft am Schreibtisch – hier in Klosterneuburg entstand er am Ort selbst. Bei einem ganztägigen Workshop macht Planer Martin Rührnschopf Planung für seine Auftraggeber direkt erlebbar und nachvollziehbar. Daraus entsteht ein Umbau, der Erinnerungen weiterträgt und sich im Familienalltag bewährt.

Familienbesitz weiterführen
Am Nordhang des Wienerwaldes liegt ein Grundstück, das sich seit Jahrzehnten im Besitz der Familie Frey/Exner befindet. Ursprünglich wurde es für das Familienunternehmen erworben und als Lager genutzt. Entscheidend war der in den Hang hineingebaute Weinkeller. Seine drei Stollen sind über das Erdgeschoß ohne Stufen zugänglich. Als die Lagerflächen zu klein wurden und die Nutzung weiterzog, blieb der Keller dennoch wichtig: Er wurde zum Winterquartier für die vielen Pflanzen der Familie, die jedes Jahr hierhergebracht wurden. Für die Bauherrin ist der Ort deshalb mit Kindheitserinnerungen verbunden – mit Besuchen am Grundstück und den Pferden auf der benachbarten Koppel. Diese Verbindung sollte nicht abreißen, sondern weitergeführt werden. Heute lebt sie hier mit ihrer eigenen Familie. Dazu ist das Obergeschoß mit dem ehemaligen Büro- und Technikbereich neu konzipiert und zu ihrem Wohnraum um- und ausgebaut.

Planen gemeinsam vor Ort
Für den Umbau der beiden am Grundstück vorhandenen Gebäude, führt Planer Martin Rührnschopf durch einen besonderen Prozess: Einen Tag lang verlegt er sein Büro für einen gemeinsamen Workshop mit der Bauherren Familie an den Ort, für den geplant wird. „Den Entwurf im Zusammenspiel mit den Auftraggebern vor Ort zu erstellen ist viel lebendiger und effizienter, als alleine im Büro zu entwerfen.“, beschreibt er seine Herangehensweise.

Grundlage dafür bildet eine sorgfältige Vorbereitung: Die bestehenden Gebäude werden exakt vermessen, Bestandspläne erstellt und der Bauzustand analysiert, sowie auch die Wohnwünsche der Familie besprochen. Beim Workshop wird dann diskutiert, gezeichnet, skizziert und erklärt – der Entwurf entsteht im Sinne von „simultan planning“ interaktiv und intuitiv im Austausch. Für die Auftraggeber sind gestalterische Entscheidungen insofern klar nachvollziehbar, weil sie die grundlegenden Schritte mitentwickelt haben. Ergänzt wird dieser noch durch ein Material-, Energie- und Gartenkonzept sowie eine detaillierte Kostenschätzung. Danach bekommen die Auftraggeber ausreichend Zeit, den entstandenen Entwurf zu reflektieren. Heute sind alle Ideen räumliche umgesetzt: Für den Wohnraum der Familie wurde das Obergeschoß erweitert und zum Garten hin geöffnet. Die einzelnen Schlafräume mittels Schiebetüren vom gemeinsamen Wohnbereich getrennt, ein zusätzlicher Arbeitsbereich kann über geöffnete Schiebetüren den Wohnraum erweitern.

Eben für die Pilze
Die Bauherrin überlegte früh, wer die Kellerräume sinnvoll nutzen könnte. Wie schon beim Familienbetrieb war der Vorteil klar: eben befahrbar, gut zugänglich und konstant kühl. So kam der Kontakt zu einem jungen Unternehmen zustande, das Pilze aus altem Kaffeesatz züchtet und gerade größere Räume suchte. Für diese Nutzung braucht es saubere Bedingungen und ein gut regulierbares Klima. Die Kellerwände wurden instandgesetzt, gebürstet und teilweise gekalkt. Zusätzlich wurden Kammern eingebaut, in denen unterschiedliche klimatische Bedingungen hergestellt werden können. Damit stand schon während der Planung fest: Der Keller bleibt Arbeitsraum – nur mit neuer und zeitgemäßer Aufgabe.

Bestehendes sichern
„Das Gebot der Stunde ist den Bestand zu erneuern, zu modernisieren und zu ertüchtigen. Ein altes Haus ist ähnlich wie ein alter Mensch: zwar mit Alterserscheinungen, aber dafür meist mit Charakter und hat etwas zu erzählen. Außerdem ist Bauen im Bestand ökologisch und identitätsstiftend.“, positioniert sich der Planer. Diese Haltung prägt auch den Umgang mit Baumaterial. Was vor Ort vorhanden und noch gut instand ist, wird wiederverwendet. Ein Beispiel sind Ziegel von einer abgebrochenen Wand. Sie sind erneut eingesetzt und prägen als Sichtziegelmauerwerk nun den Wohnraum. Das im Workshop für das Projekt erarbeitete Leitmotiv „Symbiose der Gegensätze Alt und Neu“ ist hier Methode: Das Brauchbare wird respektiert, erhalten und weitergebaut. So entsteht ein Zuhause für eine fünfköpfige Familie, ohne die Geschichte des Ortes zu verlieren.

Zu den Erinnerungen der Bauherrin kommen neue ihrer Familie hinzu – und selbst die Pilzzucht passt in diese Logik: Gebrauchter Kaffeesatz wird nicht entsorgt, sondern zur Grundlage für Neues.

Eigentümer: Marion und Norbert Exner
Planung: Martin Rührnschopf Architecture
Autorin: DI Alexandra Ullmann
Fotos: Wolfgang Spekner
Fotos: Martin Rührnschopf