Umbau eines Schüttkastens in Niedergrünbach

Altes neu denken statt abreißen. Die Steine des ab 1693 errichteten Kornspeichers gehen zurück auf eine Burg in Niedergrünbach aus dem 12. Jh.
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ERHOLUNG IM KORNGUT | Umbau eines Schüttkastens

Altes neu denken statt abreißen: Ein verfallener Kornspeicher in Niedergrünbach schien ausgedient zu haben bis mutige Eigentümer das Potenzial der jahrhundertealten Mauern erkannten. Heute beherbergt der sorgfältig revitalisierte Schüttkasten 37 Ferienwohnungen samt Spa-Bereich und zeigt, wie respektvoller Umgang mit historischer Bausubstanz gelingt.

Eingebettet zwischen sanften Hügeln und weiten Feldern, inmitten ländlicher Idylle im Herzen des Waldviertels, steht ein imposanter Schüttkasten – nur wenige Kilometer südlich des Ottensteiner Stausees entfernt. Er blickt auf eine bewegte und jahrhundertealte Geschichte zurück. Im Jahr 1693 wurde er als herrschaftlicher Schüttkasten errichtet. Dieser hat bis heute seine ursprüngliche Gestalt bewahrt: ein dreigeschoßiger, lang gestreckter Baukörper mit einem schlichten Satteldach.

Altes neu denken
Vor der Revitalisierung waren die Spuren der Zeit am jahrhundertealten Speicher klar ersichtlich: Das Dach hing komplett durch, Feuchteschäden hatten tiefe Spuren in der historischen Bausubstanz hinterlassen, groß flächige Putzabplatzungen kamen zum Vorschein und der Holzwurm hatte den Großteil der tragenden Balken befallen. Seine ursprüngliche Funktion als Kornspeicher wurde bis in die 80er-Jahre genutzt. Seither stand das Gebäude jahrzehntelang leer, was den Verfall zusehends beschleunigte. Um den Erhalt dieses wertvollen Zeugnisses zu sichern, bedurfte es mutiger Entscheidungen.

Frisch herausgeputzt
Was zunächst eine Vision war, ist heute Wirklichkeit – allerdings war es ein langer Weg von den ersten Entwürfen bis hin zur Umsetzung. Eines stand von Beginn an fest: Der Baukörper in seiner einfachen Form und seinem charakteristischen Erscheinungsbild sollte erhalten bleiben. Die Fassade wurde sorgsam im historischen Verfahren der Kalktechnik restauriert. Sämtliche Fassadengliederungen blieben in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten und wurden behutsam aufgefrischt. Die Fensteröffnungen verblieben an Ort und Stelle und erhielten neue, passende Rahmen. Lediglich an der rückseitigen Fassade, wo neue Balkone angeordnet wurden, vergrößerte man die Fensteröffnungen zu Balkontüren. Die Balkone haben bewusst kaum Berührungspunkte mit dem historischen Mauerwerk und verleihen dem Gebäude so einen schwebenden, leichten Charakter.

Das Gebäudeinnere musste aufgrund des Holzwurmbefalls und weiterer Schäden komplett entkernt werden. In der Bauphase blieb zunächst nur die historische Hülle stehen, bevor die Geschoßdecken wieder an gleicher Stelle eingezogen wurden. Der marode Dachstuhl musste vollständig abgetragen und durch eine neue Konstruktion ersetzt werden. Wie beim ursprünglichen Dachstuhl wurde das Dach mit traditionellen Biberschwanz-Dachziegeln eingedeckt, was wesentlich zur Erhaltung des äußeren Erscheinungsbildes beiträgt.

Neues Leben in alten Mauern
Heute beherbergt der vormalige Schüttkasten 37 Ferienwohnungen, die sich über die drei Geschoße verteilen. Die Zimmeraufteilung stellte bei der Planung eine besondere Herausforderung dar: Der etwa 65 Meter lange, aber nur 12 Meter schmale Baukörper erforderte eine durchdachte Lösung. Schließlich entschied man sich für einen zentralen Mittelgang, von dem aus die Zimmer erschlossen werden. An den beiden Stirnseiten konnten großzügigere Apartments angeordnet werden. Die Zimmerausstattung ist bewusst ruhig und aufs Wesentliche reduziert gehalten. An manchen Stellen bleibt das alte Mauerwerk sichtbar – lediglich weiß überstrichen – und schafft so ein stimmiges Zusammenspiel von Alt und Neu. Im Dachgeschoß entstand ein großzügiger Spa-Bereich mit Saunen und Ruheräumen. Dachausschnitte schaffen zusätzliche Dachterrassen, von wo aus die Gäste den weiten Blick über die Waldviertler Hügellandschaft genießen können.

Als bewusster Kontrast zum historischen Hauptgebäude wurde gegenüber ein Nebengebäude mit grauer Lärchenfassade errichtet. Hier finden sich Frühstücksbereich, flexible Seminarräume, ein kleiner Dorfladen und der Self-Check-in-Bereich wieder. Gemeinsam bilden Alt und Neu ein stimmiges Ensemble, das Tradition und zeitgemäße Architektur in respektvollen Dialog treten lässt.

Eigentümer: Matthias und Claudia Lemp
Planung und Ausführung: Lemp Energietechnik
                                                 Lagerhaus Zwettl – Meister Center
Autorin: DI Barbara Calas-Reiberger
Fotos: Romana Fürnkranz
Drohne: Christoph Bertos