ESPRESSO – im Haus des liegenden Mannes

Im westlichen Weinviertel nahe der Horner Bundesstraße und dennoch ein wenig abseits heutiger Verkehrsadern, galt die Marktgemeinde Sitzendorf an der Schmida einst als bedeutender Marktplatz – hauptsächlich für Bernstein und Salz – an der Ostsee-Adria-Kommerzialstraße. Davon zeugen viele architektonische Besonderheiten des Ortes. Vor allem im imposanten Ensemble des Hauptplatzes, der im Zuge der niederösterreichischen Landesausstellung 2005 zur Gänze revitalisiert wurde.

Ein wenig versunken
Zwischen den vorwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammenden Häusern ringsum fällt die Nummer 13 sofort wegen ihrer außergewöhnlichen Fassadengliederung ins Auge. Dominierender Gebäudebestandteil dieses gotischen Profanbaus ist ein mächtiger einachsiger Erker, der sich auf einen gedrungenen, mit spitzbögigen Blendarkaden gegliederten Pfeiler stützt. Das obere Drittel der Fassade weist eine über die gesamte Länge laufende gewulstete Konsole mit reliefartigem Weinlaubfries auf. Rechts und links des Erkers befindet sich jeweils ein aus der Horizontalachse leicht nach unten versetztes Fenster. Von einem weiteren ist noch die Laibung und ein mehrfach abgestufter Laibungsrahmen erhalten. Die dazugehörige Fensteröffnung wurde hingegen irgendwann zugemauert.
Besonders markant und namensgebend ist der an das linke Nachbargebäude anschließende seitliche Strebepfeiler mit dem darüberliegenden Relief einer liegenden Figur. Dieser verdankt das Haus seine Bezeichnung „Haus des liegenden Mannes“. Nach oben hin wird das Haus von einem Satteldach abgeschlossen.
Während seiner Bestandsgeschichte kam es zu mehrfachen baulichen Veränderungen des dreiachsigen, zweigeschoßigen Baues, der auf einem gegenüber der heutigen Straße abgesenkten Niveau steht. Diese eigentümliche Situation entstand dadurch, dass zurzeit, als es noch keine befestigten Straßen und Kanäle gab, bei Unwettern große Mengen aus dem so genannten Schullerbach angeschwemmten Materials hier abgelagert wurden. Dadurch erhöhte sich sukzessive das Straßenniveau und liegt heute deutlich über dem des 15. Jahrhunderts. Links neben dem Erker befindet sich im vermeintlichen Kellergeschoß ein vermauertes profiliertes Rundbogenportal, das früher den Eingang bildete. Für uns Heutige erschließt sich das Gebäude hingegen durch das ehemalige Obergeschoß – jetzt Erdgeschoß – in das wir durch ein am Rand der Straßenfront gelegenes Rechteckportal mit vorgelagerter Steintreppe gelangen.

Bewegte Vergangenheit
Auf der Schwelle empfängt uns Wolfgang, der freundliche Hausherr, mit breitem Lächeln und bittet uns gleich darauf in die gemütliche, an den Eingangsbereich anschließende, Küche zum Espresso. Dazu wird uns ein Überblick über die Geschichte des Hauses serviert: Im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts erbaut, diente es bis 1615 unter dem Titel „Bürgerspital“ als Kranken- und Waisenhaus. Das eigentümliche Figurenrelief an der Fassade ist ein Hinweis auf diese ursprüngliche Verwendung.
Anfang des 17. Jahrhunderts war das abseits gelegene Schulhaus zu klein geworden und die Besitzerin des gotischen Hauses, Katharina Freifrau von der Goltz, tauschte es im Jahre 1615 gegen das alte Schulhaus. Nach Einführung der sechs Jahre dauernden Unterrichtspflicht durch Maria Theresia im Jahre 1774 war auch dieses nun als Schulhaus zu klein geworden und so übersiedelte die Schule im Jahre 1795 in das adaptierte Haus Hauptplatz 2. Von diesem Zeitpunkt an diente das Haus Hauptplatz 13 zunächst als Rathaus und später als Gemischtwarenhandlung. Nach dem diese aufgelassen wurde, stand es einige Jahre leer, bis es 1995 von den jetzigen Besitzern erworben und revitalisiert wurde.

Revitalisierung und achtsame Erneuerung
Ein im Mittelalter errichtetes Haus als festen Wohnsitz zu erwerben, ist weder alltäglich, noch jedermanns Sache. „Fest steht, dass man schon sehr viel Begeisterung mitbringen muss, wenn man an so eine Sache herangeht“ erzählt Wolfgang, und ergänzt „Ich bin mir nicht sicher, ob wir das mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute nochmals wagen würden.“ Denn allein mit den wichtigsten Renovierungsarbeiten ging ein knappes Jahrzehnt ins Land. Zunächst wurde die Gebäudeinfrastruktur mit Wasser- und Stromleitungen an den heutigen Standard angepasst und eine neue Heizung installiert.

Dazu mussten auch drei Rauchfänge ausgeschliffen und ein neues Schamottrohr eingezogen werden. In der Praxis bedeutet so etwas Großbaustelle und so übersiedelte die Familie vorübergehend ins Gasthaus. Was für ein Hallo, als im Oktober 1995 die Sanitärräume und eine provisorische Küche sowie zwei kleine Schlafzimmer eingerichtet waren und das Paar samt ihrem Kleinkind Constantin endlich in ihr neues Zuhause einziehen konnte.
Eine besondere Herausforderung hielt das Wohnzimmer bereit, als bei der Putzrevision eine Balkendecke aus dem 16. Jahrhundert zum Vorschein kam. Laut Denkmalamt sollte der Putz nun komplett abgeschlagen und die Holzdecke fachgerecht restauriert werden. Für diesen Renovierungsschritt hätten spezialisierte Unternehmen einen sechsstelligen Betrag in Rechnung gestellt. Das kam natürlich nicht in Frage, lieber wurde mit Unterstützung der Denkmalschützer alles in Eigenregie erledigt. Mit bestem Erfolg, wie die Bilder zeigen.
Wolfgang: „Die Restaurierung der originalen Holzdecke war ein Monsterprojekt. Nach dem Entfernen der Mörtelschicht und der Putzträger habe ich zuerst alles in Handarbeit mit einer Wurzelbürste und Seifenwasser gründlich gereinigt. Nach dem Trocknen, Neutralisieren und Glätten wurde das alte Holz wie seinerzeit mit Firnis konserviert. In der Zwischenzeit waren wiederum zwei Jahre vergangen.“

Erinnerungen allerorts
Da entlang der Grundmauern im ehemaligen Erdgeschoß, jetzt der Keller, Feuchtigkeit hochstieg, musste das Kellergewölbe von außen mittels einmeterdicker Rollierung und daran anschließender Betonschicht trockengelegt werden. Im Inneren wurde der zweischiffige Raum mit Kreuzgratgewölbe auf Mittel- und Wandpfeilern neu verputzt und der Boden mit einer Fußbodenheizung ausgestattet. Als Belag folgten alte Sollnhofer Marmorplatten. „Zuvor war aber im Kellergewölbe noch eine 20 cm dicke Schicht aus Schutt und Ablagerungen zu entfernen. Bei den Grabungen fanden wir eine 15 Kreuzer-Münze mit dem Bildnis von Franz II. von Habsburg, dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Münze ist mit 1807 datiert und weist als sogenanntes Bauopfer auf die umfangreichen Umbauten zu dieser Zeit hin. Der Brauch, bei Bauwerken Bauopfer in Form von Gold- oder Silbermünzen, Werkzeugen, Kreuzen oder Bibelsprüchen, sowie Pflanzen und Speisen einzumauern, geht bis in die ältesten Tage der Menschheit zurück. Sie galten als universelles Schutzmittel vor Unheil wie Blitzschlag, Brand- und Wasserschaden bis hin zu Hexenzauber, Krankheit, Hungersnot und Tod. Bevorzugte Bereiche im Haus waren Stellen, die von Dämonen oder Hexen als Zutritt bevorzugt wurden, also Türen und Fenster, Feuerstellen und Rauchabzüge oder Dachluken.
Erinnerungen an die unterschiedlichen Nutzungen des Gebäudes fanden sich auch hinter einer vorgesetzten Wand. Auf einer dort befindlichen Stellage waren größere Mengen an Knöpfen und Garnen gelagert, die aus der Zeit der Gemischtwarenhandlung stammten.
„Unter der Kellerdecke existiert vermutlich noch ein Erdkeller, den wir aber nicht freigelegt haben. Der Aufwand wäre viel zu groß gewesen“ fügt der Hausherr seinen Erläuterungen hinzu.
Stattdessen bekam der Innenhof eine neue Fassade, im Obergeschoß wurden Steingewänder und Fenster eingebaut und ein Arkadengang errichtet. Im Garten wurde der ehemalige Schuppen – vermutlich ein Überbleibsel des ehemaligen Armenhauses – renoviert und eine Sauna eingebaut. Die Bodenfläche teilen sich nun der Rasen und ein Pflasterbelag. Eine wertvolle Neuerung ist der naturnahe Gartenteich.
Als uns der Hausherr nach dem spannenden Rundgang hinausbegleitet, meint er abschließend: „Bei so einem alten Gebäude muss man immer wieder mit Überraschungen rechnen.
So etwa als im August 2004 der Hauptplatz neugestaltet wurde und bei der Neuverlegung der Wasserleitung ein Leck direkt vor unserem Haus gefunden wurde. Last but not least gibt es immer was zu tun in so einem alten Haus – also Ende nie!“