KELLERGASSEN – Kulturlandschaft Weinviertel

Bereits mit den Römern kam der Weinbau nach Österreich. Seit dem Mittelalter waren es dann die großen Klöster und Stifte und die adeligen Grundherren, die den Weinanbau, die Kelterung und den Handel entwickelten und kultivierten. Die wirtschaftliche Bedeutung des Weines für den Landesausbau war enorm: So erlebte im 16. Jahrhundert der Weinbau einen historischen Höhepunkt, als die Weinbauflächen im Gebiet des heutigen Niederösterreich etwa doppelt so groß waren wie heute.

Die Reformbestrebungen Maria Theresias und Iosef II. brachten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Wandel hin zur Verbäuerlichung des Weinbaus, indem den Bauern eigener Besitz und selbstständiges Wirtschaften in bis dahin unbekanntem Maß zugestanden und ermöglicht wurde. Dieser hat einen noch heute prägenden, baulich manifesten Abdruck im regionalen Landschaftsbild hinterlassen.

Kulturlandschaft
Zeugnis dieser historischen Entwicklung sind die für die Kulturlandschaft des Weinviertels bedeutenden Kellergassen. Deren Lage an den Dorfrändern oder inmitten der Rieden generiert bauliche Zäsuren im harmonischen Miteinander der bewirtschafteten Flächen und der in den Niederungen liegenden Siedlungen. Etwa 1.100 Kellergassen mit ihren rund 37.000 Objekten zählt dieser in besonders großer Zahl auf dem Gebiet des Weinviertels, Österreichs größtem Weinbaugebiet, verwirklichte Siedlungsbautypus. Zwar kommen Kellergassen auch in den angrenzenden Regionen im niederösterreichischen Zentralraum, entlang der Thermenlinie, im nördlichen Burgenland, in den südlichen Teilen Böhmens und Mährens, sowie in einigen Weinbauregionen der Slowakei, Ungarns und Sloweniens vor. Nirgends jedoch sind sie in einer vergleichbaren, den Landschaftsraum gestaltenden Dichte allgegenwärtig: Auf die etwa 550 heute bestehenden Ortschaften des Weinviertels entfallen durchschnittlich je zwei Kellergassen mit jeweils über 60 Kellern. Dieses außergewöhnliche Kulturerbe geht hier deshalb jeden etwas an!

Architektur der Kellergasse
Die Kellergassen sind auch physisch aufs Engste mit der sie umgebenden Landschaft verbunden: Aus Gründen der Arbeitseffizienz nahe der Weingärten angelegt, wurden die Weinkeller in vielen Fällen als lange, gewölbte Kellerröhren gleichbleibender Breite in den anstehenden, tragfähigen Lössuntergrund gegraben. Der gewonnene Lehm wurde als Baumaterial bei der Errichtung der Kellereingänge oder der den Kellern vorgelagerten Presshäuser wiederverwendet. Je nach Anzahl der im baulichen Zusammenhang angelegten Keller und Presshäuser entstanden sehr kleine oder auch bis zu mehrere hundert Objekte umfassende, große Einheiten. Der klar definierten Nutzung wegen, der homogenen bäuerlichen Nutzerschaft sowie der wenigen verfügbaren Baumaterialien entsprechend wurden Keller und Presshäuser in immer ähnlichen Bauformen und Dimensionen errichtet.

Lebendiges Kulturgut 
Durch das Eingraben der Keller in den Untergrund und die einfache Bauform der kleinen Nutzbauten fügen sich die Kellergassen als bauliche Ensembles besonders sinnfällig in die auch heute noch durch Weinbau und Landwirtschaft bestimmte naturräumliche Umgebung ein. Sie sind kulturell bedeutende
Zeugnisse des Lebens und Wirtschaftens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Als Bestandteil des Selbstversorgerkonzepts jeder bäuerlichen Einheit der Region, spielten und spielen die Weinkeller in den Kellergassen im Leben der Menschen eine tragende Rolle. Aufgrund ihres Verbreitungsgrades, der Wiedererkennbarkeit und Einzigartigkeit als bauliche und siedlungsbauliche Elemente der historischen Kulturlandschaft und ihres auch heute noch mehrheitlich authentischen Erhaltungszustandes sind die Kellergassen für die Region in hohem Maß identitätsstiftend. Aufgrund ihres Kleinklimas (geschützte Lagen) und des reichhaltigen Pflanzenbestandes (historische Obstsorten) im direkten, von der modernen Landwirtschaft vielfach verschonten Umfeld der Keller, stellen die Kellergassen heute für Menschen und Tiere besondere Erholungs- und Genussräume dar.

European Year of Cultural Heritage 2018
Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 wird die Weinviertler Kellergasse in Niederösterreich zum Thema: Eine Partnerschaft des Bundesdenkmalamtes mit regionalen Trägern sowie Abteilungen der Landesregierung zielt auf die Erforschung, den Schutz, die Erhaltung und die Vermittlung dieses weltweit einzigartigen Kulturerbes. Im Rahmen eines Jahresprogrammes werden verschiedene Aspekte dieses vielfältigen Themas am Beispiel einzelner Kellergassen behandelt. Ein wesentlicher Bestandteil des Vorhabens ist die exemplarische wissenschaftliche Aufarbeitung der Bau- und Nutzungsgeschichte von Kellergassen am Beispiel besonders gut erhaltener Ensembles. Ihre Vermessung und Dokumentation wird dabei als Basis dienen für die bauhistorische Erforschung. Im Rahmen eines Symposiums werden die das Phänomen der Kellergassen als Elemente der Kulturlandschaft bestimmenden Aspekte aus wissenschaftlicher Sicht und aus dem Blickwinkel eines gesamtheitlichen Ansatzes zusammenfassend behandelt werden.