FESTGEMAUERT IN DER ERDE – die Kasematten in Wr. Neustadt

Erzsolide steht sie da, die Festung aus dem 12. Jahrhundert, die Herzog Leopold V. zu einem Gutteil aus dem Lösegeld für König Richard Löwenherz errichten ließ. Damals noch auf steirischem Gebiet gelegen, sollte sie die Region gegen die aus dem Osten durch die Ödenburger Pforte eindringenden feindlichen Heere sichern. Mit dem Bau markierte Leopold sein Territorium, mit dem er vom Kaiser belehnt worden war.

Mächtiges Bollwerk
Archäologische Grabungen der letzten Jahrzehnte haben nach und nach eine beeindruckende Wehranlage freigelegt. Es handelt sich um Reste der spätromanischen Stadtmauer und des gleichzeitig errichteten südwestlichen Eckturms der Stadt. Besonders fällt daran die markante Mauertechnik auf: Beim so genannten „opus spicatum“ (lat. spica – die Kornähre) wurden Steinplatten in Einzellagen schräg versetzt. Etwa um 1220 entstand vor der Stadtmauer eine so genannte Zwingermauer. Diese zusätzliche, niedere Wehrmauer, sollte die Annäherung an die Stadtmauer erschweren. Es handelt sich um eine der ältesten belegbaren Zwingerbefestigung im deutschsprachigen Raum. Ab etwa der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die Stadtmauer erhöht, was auf den frühen wirtschaftlichen Erfolg der Stadt hinweist.
In der Geschichte Wr. Neustadts gab es immer wieder heikle Situationen, in denen sich die massive Festungsanlage bewährte. So etwa als der in Ungarn herrschende Matthias Corvinus 1487 versuchte die Stadt, vom Südwesten her zu erobern. Obwohl bei dieser Attacke große Teile der Stadtbefestigung durch Belagerungsgeschützte zerstört wurden – Spuren davon können heute noch am Baubestand abgelesen werden – gab die Stadt nicht auf und die Belagerung zog sich über Monate. Die Angreifer zogen daraufhin einen engen Belagerungsring um die Stadt und hungerten sie aus. Schließlich blieb nichts anderes mehr übrig, als die Tore für die Ungarn zu öffnen. Corvinus bestätigte aber die Privilegien der eroberten Stadt und ließ später auch die großen Schäden an der Befestigungsanlage beheben.
Die damals in die neuen Mauerteile eingefügte Geschützkugeln sollten die Festigkeit der Befestigungsanlagen symbolisieren und der vorgelagerte Zwinger wurde an der Ecke turmartig ausgebildet. Die Reste dieser Eckbefestigung sind heute für Besucher gut sichtbar präsentiert, ebenso wie ein erhaltenes Zugbrückenportal, das ehemals zu einer auf der Außenseite des Grabens errichteten Vorbefestigung führte.

Einst suchte man hier Schutz
Darunter – in der Erden, ganz wörtlich genommen – befindet sich ein ganz besonderes Baujuwel – die Kasematten. Dabei handelt es sich um bis zu acht Meter hohe unterirdische Gewölbe, die zur Zeit ihrer Errichtung als beschusssichere Räume galten. Die wohldurchdachte Konstruktionsweise des Systems war selbst dann noch den statischen Belastungen gewachsen, wenn die äußeren Umfassungsmauern zerstört worden wären.

Um 1550, wie auf einem aus dieser Epoche erhaltenen Portal verzeichnet ist, sollte Wiener Neustadt eine erstrangige Eckbefestigung erhalten. Das Herzstück ist die so genannte „Strada Coperta“, eine gewölbte Straße mit einem Eingang und drei Ausgängen, durch die Geschütze auf eine neue Bastei sowie zwei von dieser Bastei gedeckte Geschützhöfe gezogen werden konnten. Von dieser mächtigen Bastei sind Reste erhalten. Im Zuge der Bauarbeiten kam es aber zu finanziellen Problemen und das kostenintensive Projekt wurde nicht wie ursprünglich geplant vollendet. Stattdessen entstand an der unvollendeten gemauerten Bastei ein mächtiges Erdwerk mit den darunterliegenden Kasematten, die im Volksmund auch als Mordgrube bezeichnet wurden. Tatsächlich beherbergten manche von ihnen einst auch düstere Verliese, in denen man mißliebige Personen schmachten ließ.
In der Babenbergerstadt wurden die über 2.200 m² umfassenden unterirdischen Räumlichkeiten über die Jahrhunderte hinweg sehr unterschiedlich genutzt und diente beispielsweise im 19. Jhd. einer Brauerei als Bierlager. Danach wurde es still in den Gewölben und die Anlage fiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.

Vom Bärengehege zur Veranstaltungshalle
Archäologische Spurensuche ist immer wieder für Überraschungen gut. So fand man etwa bei Mauerwerksanalysen am Südwest-Eckturm Bärenurin und so mancher Bewohner von Wr. Neustadt erinnert sich noch daran, dass hier in den späten 1960er-Jahren eine Zeit lang zwei Kragenbären in einem Gehege untergebracht waren.
Ein Ort mit bunter Vergangenheit soll nun eine vielversprechende Zukunft erhalten. Nach der Restaurierung und teilweisen Neugestaltung werden die Kasematten nun für gesellschaftliche Ereignisse genutzt: Ausstellungen, Konzerte, Aufführungen, Pausen- und Kommunikationsräume. Dazu wurde an den Bestand aus der Renaissancezeit im Süden ein ca 2.000 m² großer Neubauteil mit einem Welcome-Center und einer Ausstellungs- und Konferenzhalle angeschlossen. Das helle Glas-Portal, Lichtkuppeln und die Fenster bilden einen ganz bewußten und gut gelungenen Kontrast zum alten Festungsbau und laden im Zuge der Niederösterreichischen Landesaustellung, erstmals zur Besichtigung ein. Unser Tipp: Schau‘n Sie sich das an!