Magazinbeitrag

BETON:

Nicht alles grau in grau

Collage historischer und moderner Bauwerke, darunter Pantheon, Wissenschaftsmuseum, Stahlbetonbrücke, Joseph Aspdin-Porträt und Beton, der auf Baustahlgitter gegossen wird.

Material mit langer Geschichte
Der Baustoff Beton gilt als Errungenschaft der Moderne, dabei reicht seine Geschichte mehr als 2.000 Jahre zurück. Bereits im antiken Rom gab es eine Art Beton – ein Gemisch aus Kalk, vulkanischer Asche und Gestein. Dieser sogenannte „römische Beton“ war außergewöhnlich solide und wurde für Bauwerke wie das Pantheon oder für Aquädukte verwendet. Viele dieser Bauwerke stehen bis heute. Nach dem Untergang des Römischen Reiches geriet das Wissen über die Herstellung von Beton lange Zeit in Vergessenheit, erst im 18. und 19. Jahrhundert begann man erneut, mit ähnlichen Bestandteilen zu experimentieren. Einen Durchbruch brachte 1824 die Entwicklung des Portlandzements durch den englischen Maurer Joseph Aspdin. Portlandzement ist ein hydraulisches Bindemittel aus Kalk, Ton und Gips, das aufgrund chemischer Reaktion mit Wasser sowohl an der Luft als auch unter Wasser erhärtet. Der Portlandzement bildet bis heute die Grundlage für modernen Beton. Am Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierte der sogenannte Eisenbeton (heute Stahlbeton) das Bauwesen. Durch die Kombination von Beton und Stahl (Bewehrungseisen) konnte die Zug- und Druckfestigkeit der Konstruktionen erheblich verbessert werden, Beton wurde zum Symbol des technischen Fortschritts und ermöglichte völlig neue Formen der Architektur. Dieser Formenreichtum, aber auch eine aus heutiger Sicht sorglose Bauwut spiegelt sich in den Megastrukturen und Sichtbetonbauten der 1960er- und 1970er-Jahre, die als Ikonen des Industriezeitalters gefeiert werden.
Heute spielt Beton eine wichtige, wenn auch zwiespältige Rolle im Bauwesen. Stahlbeton ist in unserer verbauten Welt allgegenwärtig: Für Brücken, Straßen, Wohnsiedlungen und Hochhäuser ist es der Werkstoff der Wahl, wird aber zunehmend auch kritisch hinterfragt.

Beton im Wandel
Weil Beton robust, frei formbar und wirtschaftlich ist, kommt er weltweit in nahezu überall zum Einsatz. Da aber seine Herstellung viel Kohlendioxid (CO₂) freisetzt und große Mengen an Sand benötigt, zählt Beton in Zeiten des Klimawandels zu den problematischsten Baustoffen. Das größte Problem ist die Herstellung von Zement, einem wichtigen Bestandteil von Beton. Dabei wird Kalkstein in großen Öfen auf sehr hohe Temperaturen erhitzt. Das verbraucht viel Energie und setzt hohe Mengen an CO₂ frei. In der Zementproduktion werden weltweit etwa sieben bis acht Prozent der menschengemachten CO₂-Emissionen verursacht. Die gute Nachricht ist: Die Beton- und Zementindustrie arbeitet intensiv daran, den Baustoff klimafreundlicher zu machen. Schon heute werden neue Zementsorten entwickelt, die deutlich weniger CO₂ verursachen. Außerdem wird immer mehr alter Beton recycelt und für neue Bauprojekte wiederverwendet. Auch neue Technologien machen Hoffnung. Forschende entwickeln Verfahren, mit denen das bei der Zementherstellung entstehende CO₂ aufgefangen und gespeichert oder sogar weiterverwendet werden kann. Gleichzeitig setzen viele Unternehmen zunehmend auf erneuerbare Energien und energieeffizientere Produktionsanlagen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist, Beton sparsamer einzusetzen. Gebäude können heute oft so geplant werden, dass sie mit weniger Material (z. B. Leicht- und Porenbeton) auskommen, ohne in statischer oder bauphysikalischer Hinsicht im Nachteil zu sein. Außerdem werden Beton, Holz und Stahl immer häufiger miteinander kombiniert. So nutzt man die Vorteile jedes einzelnen Baustoffs. Forschende und Unternehmen arbeiten an klimafreundlicheren Betonen, die recycelte Materialien enthalten oder weniger Zement benötigen. So entwickelt sich Beton ständig weiter. Entscheidend ist, ihn möglichst nachhaltig herzustellen und verantwortungsvoll einzusetzen. Neue Technologien, Recycling und bessere Bauweisen zeigen, dass sich viel verändert. Wenn das Material in Architektur „gegossen“ wird, kann Beton mit den richtigen Lösungen sogar ein Teil der Antwort auf die Klimakrise sein.

Autorin: Mag.a Dr.in Gabriele Kaiser