Informelle Umwidmungen
Im Alltag kommt es sehr oft vor, dass wir Dinge anders benutzen, als sie ursprünglich gedacht waren. Zum Beispiel stopfen wir Zeitungspapier in nasse Schuhe, damit sie schneller trocknen, oder wir putzen damit Fenster. So wird eine Zeitung, die eigentlich zum Lesen da ist, ganz einfach zu einem Putzmittel. Auch Malpinsel oder Stifte bewahren wir manchmal in alten Blechdosen auf, in denen früher Tomaten waren. Sogar Kochtopfdeckel können zweckentfremdet werden, etwa wenn man sie als Musikinstrument benutzt. Schon früher haben Abgeordnete im Parlament mit solchen Deckeln lautstark protestiert – warum also nicht auch im Alltag?
Diese vorübergehenden oder dauerhaften neuen Nutzungen von Gegenständen gehören zu unserem alltäglichen Improvisieren. Manchmal gehen sie auch in bewusstes Upcycling über, also in ein gezieltes Wiederverwenden von Dingen. In sozialen Netzwerken gibt es unzählige Ideen, wie alte Materialien neu genutzt werden können – weit über einfache Palettenmöbel hinaus. Von einer falschen oder schlechten Nutzung kann hier kaum die Rede sein, denn diese neuen Verwendungen sind meist sinnvoll und praktisch. Erst wenn solche Umwidmungen im großen Maßstab stattfinden, werden sie komplizierter.
Zweckentfremdung oder positive Veränderung
In der Immobilienbranche spricht man von Zweckentfremdung, wenn ein Gebäude anders genutzt wird, als es erlaubt ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Bürogebäude ohne Genehmigung als Wohnhaus genutzt wird. Solche Änderungen dürfen nicht einfach beschlossen werden, sondern brauchen in der Regel eine Genehmigung der Behörden. Entscheidend sind dabei Bauvorschriften und Raumordnungspläne, die in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sind.
Ein Wechsel der Nutzung kann aber sehr wichtig sein, um alte Gebäude zu retten, die sonst leer stehen und verfallen würden. Leerstand entsteht oft durch wirtschaftliche Probleme, gesellschaftliche Veränderungen oder neue technische Anforderungen. Besonders seit den 1990er-Jahren wurden viele frühere Industrie- oder Geschäftsgebäude zu Wohnungen umgebaut, weil Wohnraum immer knapper wurde. Ein bekanntes Beispiel sind die ehemaligen Gasometer (Gasspeicher) in Wien-Erdberg, die zu Wohnhausanlagen umgestaltet wurden.
In den letzten Jahren ist das Thema Umnutzung auch aus Gründen der Nachhaltigkeit immer wichtiger geworden. Dabei geht es nicht nur um das Wiederverwenden von Materialien, sondern auch um neue Nutzungsmöglichkeiten für bestehende Gebäude. Es ist jedoch nicht immer einfach, ein gutes Umnutzungskonzept zu finden, und Wohnen ist nicht immer die beste Lösung. Es gibt viele beeindruckende Beispiele: Ein Kraftwerk wurde zu einem Museum (Tate Gallery London), eine alte Bahnstrecke zu einem Park (High Line in New York), ein Flugfeld zu einer großen Freizeitfläche. Kirchen wurden zu Buchhandlungen, Bunker zu Clubs, Bauernhöfe zu Arbeitsräumen, Lagerhallen zu Büros und ein Weinkeller zu einer Pilzfarm (siehe Projekt auf Seite 34).
Nicht jedes Gebäude kann für immer so genutzt werden, wie es ursprünglich geplant war. Ein sinnvoller oder überraschender Nutzungswechsel kann dafür sorgen, dass es erhalten bleibt. Manchmal wirkt diese Veränderung so passend, dass man glaubt, das Gebäude wäre schon immer genau dafür gedacht gewesen
Autorin: Mag.a Dr.in Gabriele Kaiser