Alleingang oder Teamwork?
Manche Architektinnen und Architekten der Moderne – also im 20. Jahrhundert – stellten sich gern als einsame Künstlerinnen oder Künstler dar. Zum Beispiel Le Corbusier: Auf alten Fotos sieht man ihn allein am Schreibtisch sitzen, nachdenklich, als würde ihn niemand verstehen. Dort zeichnete er Häuser, die es in dieser Form noch nie gegeben hatte. Gleichzeitig wurde im frühen 20. Jahrhundert immer mehr über Teamarbeit in der Architektur gesprochen. Es gab sogar ganze Bücher dazu. Denn das Bild vom einsamen Genie passte nicht mehr richtig in eine Zeit, in der man davon träumte, Häuser wie Autos am Fließband herzustellen. Die Ziele waren: Bauteile vorzufertigen, die Bauzeit zu verkürzen und durch Massenproduktion günstiger zu bauen. Statt dem Bild vom einzelnen Künstler setzte sich deshalb die Idee von Teamwork durch: Architektur ist keine Einzelleistung, sondern das Ergebnis von vielen Menschen. Und die Zusammenarbeit begann nicht erst auf der Baustelle, sondern schon beim Entwurf – also bei den ersten Ideen und Skizzen. Mehrere Architekten saßen gleichberechtigt zusammen und suchten gemeinsam nach Lösungen. Manche Büros trugen den Teamgedanken sogar im Namen: Arbeitsgruppe 4, Werkgruppe Graz, Werkgruppe Linz, Atelier 5 usw.
In den 1960er-Jahren gaben sich Teams besonders auffällige Namen, wie „Coop Himmelb(l)au“ oder „Haus-Rucker-Co“. Das „Co“ oder „Coop“ bedeutete Kooperation, also Zusammenarbeit. Damit wollten die Architekten zeigen: Wir revolutionieren Architektur gemeinsam. Viele dieser Gruppen – oft Boygroups – nahmen sich Rockbands wie die Beatles oder die Rolling Stones zum Vorbild. Auch sie wollten cool und glamourös wirken. Deshalb ließen sie sich wie Bands fotografieren und gestalteten ihre Werkkataloge so, dass sie wie Plattencover aussahen.
Auch heute arbeiten Architektengruppen zusammen – nur ohne Rockband-Image. Sie wählen kreative Namen wie „AllesWirdGut“, „the next enterprise“, „querkraft“ oder „einszueins architektur“. Die Namen sollen zeigen, wofür sie stehen.
Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer
Während Gruppen wie „Coop Himmelb(l)au“ und „Haus-Rucker-Co“ mit spektakulären Entwürfen und kurzzeitigen Installationen bekannt wurden, konzentrierten sich andere Architekten stärker auf die gesellschaftliche und politische Rolle des Bauens. Dabei rückte eine andere Form von Teamarbeit in den Mittelpunkt: die Mitbestimmung der Nutzerinnen und Nutzer. Das heißt: Die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses sollten nicht einfach nur fertige Wohnungen bekommen, sondern bei der Gestaltung mitreden. Das Ziel war, dass individuelle Wünsche schon in die Planung einfließen. Zum Beispiel: Wie sollen die Räume angeordnet sein? Wo sollen Türen und Fenster hinkommen? Soll ein Raum viel oder wenig Licht haben? Ein bekanntes Beispiel: Beim Mehrfamilienhaus „Wohnen mit Kindern“ arbeiteten die Familien direkt mit dem Architekten Ottokar Uhl zusammen. In einem Planspiel bauten sie Modelle ihrer Wohnungen und entschieden gemeinsam, wie ihre Wohnungen im Gebäude liegen sollten. In den 1970er- und 1980er-Jahren probierten viele Architekten diese Art der Mitbestimmung aus. Die Gruppenentscheidungen waren oft zeitaufwendig und anstrengend. Aber das Ergebnis waren Wohnungen, die perfekt zu den Bewohnern passten und für große Zufriedenheit sorgten. An diese erfolgreichen Beispiele knüpfen heutige Baugruppenprojekte an. Dabei schließen sich Wohnungssuchende zusammen und planen gemeinsam mit Architekturbüros, die auf Mitbestimmung spezialisiert sind. So entstehen gemeinschaftliche und leistbare Wohnformen, die sich von klassischen Immobilienprojekten unterscheiden.
Der Gemeinschaftsgeist hat der Architektur neuen Schwung gegeben und gezeigt, dass viele unterschiedliche Wünsche unter einem Dach vereint werden können.
Autorin: Mag.a Dr.in Gabriele Kaiser