Magazinbeitrag

Elemente der Baukunst

Die vielen Aufgaben von Stiften und Klöstern

OBK 190

Zentren des Wissens
Stifte und Klöster übernehmen seit jeher weit mehr als nur religiöse und seelsorgliche Aufgaben. Schon im Mittelalter waren sie nicht nur Orte des Glaubens, sondern auch wichtige Zentren von Bildung und Wissenschaft. In ihren Bibliotheken und Archiven sammelten, bewahrten und erforschten Mönche und Nonnen religiöse und wissenschaftliche Schriften. Bis heute besitzen viele Klöster – etwa Altenburg, Göttweig, Heiligenkreuz, Lilienfeld, Melk oder Zwettl – beeindruckende Bibliotheken, die wertvolle Handschriften und Drucke enthalten.

In den sogenannten Skriptorien entstanden früher die ersten Schreibstuben Europas. Dort wurden Bücher mühsam von Hand abgeschrieben und oft mit kunstvollen Malereien geschmückt. Diese Arbeit war bis zur Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert die einzige Möglichkeit, Texte zu vervielfältigen und Wissen weiterzugeben. Auch heute engagieren sich viele Klöster im Bildungsbereich, betreiben Schulen oder Erwachsenenbildungseinrichtungen und sind dadurch bedeutende Träger von Wissen und Kultur.

Darüber hinaus bewahren sie architektonische, kunsthistorische und kulturelle Schätze, die bis heute erforscht und gepflegt werden. Viele Klöster öffnen ihre Tore für Besucherinnen und Besucher, veranstalten Konzerte, Ausstellungen und Führungen und tragen damit wesentlich zum Kulturtourismus ihrer Regionen bei. Ein bekanntes Beispiel ist das Benediktinerstift Melk, einer der wichtigsten Barockbauten Europas und zugleich das meistbesuchte Ausflugsziel Niederösterreichs. Auch wenn viele Stifte in der Barockzeit prachtvoll umgebaut wurden, sind in Österreich zahlreiche Spuren der mittelalterlichen Klosterarchitektur erhalten geblieben – etwa im Stift Lilienfeld, im Stift Zwettl oder in der romanischen Abteikirche von Heiligenkreuz. 6 GESTALTE(N) ERWEITERE Vor der Erfindung des Buchdruckes wurden im Mittelalter Bücher von Mönchen von Hand geschrieben und so Wissen weitergegeben

Arbeit, Glaube und Wirtschaft
Das Motto der Benediktiner lautet „Bete und arbeite“. Es beschreibt den Versuch, geistliche Einkehr mit praktischer Tätigkeit zu verbinden. Da die Erhaltung der Gebäude und Kunstwerke heute große finanzielle Herausforderungen mit sich bringt, betreiben viele Klöster auch landund forstwirtschaftliche Betriebe, Weingüter oder Handwerkswerkstätten, um ihre wirtschaftliche Basis zu sichern.

Dabei hat jedes Stift seine eigenen Schwerpunkte: Der Forstbetrieb des Stifts Göttweig ist unter anderem für seine riesigen Mammutbäume bekannt, während das Zisterzienserstift Zwettl schon seit Jahrhunderten Teiche bewirtschaftet und Fische züchtet. Das AugustinerChorherrenstift Klosterneuburg besitzt das älteste und zugleich eines der größten Weingüter Österreichs. Im Zisterzienserstift Heiligenkreuz spielt der gregorianische Choral, eine besondere Form des meditativen Singens, eine wichtige Rolle im klösterlichen Alltag.

Viele Stifte verbinden ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten mit kulturellen und touristischen Angeboten. Rund 30 Klöster sind in der Initiative „Klösterreich“ zusammengeschlossen. Sie bieten Besucherinnen und Besuchern spirituelle Ruhe, kulturelle Veranstaltungen und kulinarische Erlebnisse – von stiller Einkehr bis zu Konzerten und Klosterläden. Seit beinahe 1000 Jahren erfüllen Stifte und Klöster in Österreich weit mehr als nur religiöse Aufgaben. Als Bildungsund Wirtschaftseinrichtungen haben sie sich immer wieder an die gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit angepasst – und dabei bewiesen, dass Glaube, Kultur und Arbeit ein dauerhaftes Fundament für Gemeinschaft und Identität bilden können.

Autorin: Mag.a Dr.in Gabriele Kaiser