Langgestreckte Häuser und versteckte Höfe
Manche in der regionalen Baukultur tief verwurzelte Hausformen erleben eine jahrhundertelange Blüte, geraten mit der Industrialisierung in Vergessenheit und werden nach jahrzehntelanger Vernachlässigung punktuell wiederentdeckt. So geschehen mit den „Streckhöfen“, die in Niederösterreich und im Burgenland noch heute das Bild vieler Straßendörfer prägen. Unter einem Streckhof versteht man – der Name ist Programm – ein längliches, ursprünglich meist bäuerlich genutztes Kleinhaus, in dem Wirtschafts- und Wohnräume auf einer schmalen Parzelle hintereinander angeordnet sind. Die Mauer an Mauer verketteten Streckhöfe stehen meist giebelständig als geschlossene Verbauung an der Straße, von den Höfen, Nutzflächen und Gärten dahinter ahnt man nichts. Gebaut wurde mit den Materialien der Region: mit Naturstein, Lehm, Ziegel und Holz. Eingeschossige Streckhöfe sind bis heute nicht nur in Österreich, sondern auch in Ungarn und der Slowakei, in Kroatien, Serbien und Rumänien anzutreffen. Die Häufigkeit dieser Siedlungen in weiten Teilen der einstigen Habsburger-Monarchie ist kein Zufall, sondern beruhte auf Amtsplanungen des Wiener Hofs. Unter Rückgriff auf bewährte Bauformen baute man ab Ende des 18. Jahrhunderts die damals kriegszerstörten Dörfer und Kleinstädte neu auf und begann die ungarische Ebene systematisch zu besiedeln. „Die faszinierende Gleichförmigkeit der Bebauung vom Wiener Becken bis in das Banat ist in der strengen staatlichen Ordnungsmacht der Wiener Hofkanzlei begründet“, so Klaus Jürgen Bauer, der sich als forschender Architekt intensiv mit dem Thema befasst hat (siehe Beitrag auf S. xv). Die in großer Zahl errichteten Streckhöfe waren überall ähnlich: Vorne, zur Straße hin, befand sich die Stube, dahinter die Küche und hinter dieser fallweise noch eine Kammer, wiederum dahinter der Stall und der Schuppen. Die fensterlose Seitenmauer des Nachbarhauses bildete einen blickgeschützten Hof, hier konnte man, manchmal über einen Arkadengang, von fast jedem Raum ins Freie gelangen. Im 20. Jahrhundert verlor der bescheidene Haustyp allmählich an Bedeutung, die letzten Streckhöfe wurden in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Danach setzte mit dem rasanten Strukturwandel in vielen Regionen eine Erneuerungsbewegung ein. Viele der Höfe wurden bis zur Unkenntlichkeit überformt oder abgerissen und durch meist zweigeschoßige Gebäude ersetzt. Die „faszinierende Gleichförmigkeit“ der Straßendörfer verlor sich mancherorts im individuellen baulichen Wildwuchs.
Wertschätzung der „anonymen Architektur“
Fast gleichzeitig mit dem Schwinden eines vorindustriellen Haustyps erwachte in den 1960er Jahren das Interesse der Fachwelt an der anonymen Architektur in ländlichen Regionen. Roland Rainers Studie „Anonymes Bauen Nordburgenland“ und Bernard Rudofskys Ausstellung und Publikation „Architektur ohne Architekten“ sind hier ebenso zu nennen wie Traude und Wolfgang Windbrechtingers „Anonyme Architektur“ und Raimund Abrahams „Elementare Architektur“. Auch die langjährige Beschäftigung des Architekten Carl Pruscha mit der einfachen Baukultur im Himalaya-Gebiet ist in diesem Zusammenhang zu nennen. All diese Plädoyers für das einfache Bauen drückten einerseits Wertschätzung gegenüber den funktionalen und klimatischen Vorzügen eines nachhaltigen vorindustriellen Bautyps aus und waren andererseits als deutliche Kritik an der Rücksichtslosigkeit der zeitgenössischen Baupraxis zu verstehen. Das ist umso bemerkenswerter, als Überlegungen zum „Bauen im Bestand“ und zur „Zersiedelung“ damals noch ein Nischenthema waren. Obwohl das Bewusstsein für die Schutzwürdigkeit historischer Ortskerne durch den fortschreitenden Klimawandel, die Folgen der Bodenversiegelung und der Verkehrsentwicklung inzwischen stark gestiegen ist, geht in vielen Straßendörfern immer noch wertvolle historische Bausubstanz verloren. Aber es gibt auch immer mehr ermutigende Beispiele, die belegen, dass Streckhöfen neues Leben eingehaucht werden kann, ohne ihre ursprüngliche Identität zu zerstören. Zudem setzen sich Interessensgemeinschaften wie der Verein Welterbe Neusiedler See und viele andere Initiativen für einen Ensembleschutz, die Stärkung der rechtlichen Ebene und für nachhaltige Bewusstseinsbildung ein. Die Erhaltung der vorhandenen Substanz und die Auseinandersetzung mit der anonymen Architektur sind ein zentrales Thema der Baukultur geworden, sodass auch der Streckhof und andere ländliche Bauformen eine Zukunftschance haben.
Autorin: Mag.a Dr.in Gabriele Kaiser