Magazinbeitrag

Elemente der Baukunst

Kühle Keller

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Nützlicher (unheimlicher) Untergrund
Auf den zusätzlichen Stauraum (Hobbyraum, Technikraum, Fitnessraum), den ein Keller im eigenen Haus bietet, möchte kaum jemand verzichten, auch wenn die historisch wichtigste Funktion eines Kellers – die Kühlung von verderblichen Lebensmitteln – heute obsolet geworden ist. Den Weinkeller in ländlichen Regionen gibt es seit Menschengedenken, aber auch in Großstädten waren Eiskeller lange Zeit eine unverzichtbare Ressource. Auch zur Einlagerung von Brennholz und Kohle wurden die Hauskeller häufig genutzt, bis im Verlauf des 20. Jahrhunderts allmählich auf andere Heizsysteme umgestellt wurde. Heute dienen die (oft feuchten) Kellerabteile in gründerzeitlichen Wohnhäusern lediglich als Lagerplatz für sperrige Gegenstände. Die zahlreichen von der Hausverwaltung aufgestellten Rattenfallen in den Gängen lassen allerdings erahnen, dass es hier unten auch ungebetene Mitbewohner gibt. Wenn es im Untergrund des Hauses also dunkel und muffig ist: Wer würde da schon gern – sprichwörtlich – zum Lachen in den Keller gehen?

Vorläufer des Kühlschranks
Dabei liegen Keller und Kultur eng beieinander, denn die Konservierung verderblicher Güter wurzelt tief in der Zivilisationsgeschichte. Archäologische Untersuchungen haben gezeigt, dass schon vor Urzeiten Vorräte in kühlen Höhlen gelagert wurden, und bei Ausgrabungen in Linz ist man auf Erdkeller aus der frühen Römerzeit gestoßen. Einen Eiskeller aus dem 18. Jahrhundert, der noch während des Zweiten Weltkriegs in Verwendung war, kann man z.B. in Brunn am Walde im Waldviertel bewundern. In die acht Meter tiefe Grube, die von einem gemauerten Gang umschlossen ist, wurden in der kalten Jahreszeit riesige Eisblöcke aus dem nahegelegenen Teich eingebracht, die langsam über den Sommer abschmolzen. Die im gemauerten Umgang gestaute Verdunstungskälte kühlte das eingelagerte Fleisch und Wild bis in den Spätherbst. In einem traditionellen Weinkeller hingegen sind andere Kühlleistungen gefragt. Hier liegt die ideale Temperatur zwischen 10° und 14° Celsius (sie sollte jedenfalls weder unter 4° fallen noch über 20° steigen). Noch wichtiger als das Einhalten einer bestimmten Kühle ist es aber, die Temperaturkonstanz sicher zu stellen. In den langen Kellerröhren unter den Presshäusern im Weinviertel sind diese Anforderungen auf natürliche Weise erfüllt. Den in den Löss getriebenen Kellern ist entweder ein Presshaus oder ein gemauerter Kellerhals, das sogenannte „Vorkappl“ vorgelagert. In den noch intakten Kellergassen lassen sich Tauglichkeit und baukulturelle Bedeutung dieser Weinproduktions- und Lagerstätten nicht zuletzt auch im Rahmen von Kellerführungen erleben.

Vom Schutzraum zum Partykeller
Die privaten Kellerräume, die früher unverzichtbarer Bestandteil der Lagerung und Konservierung von Lebensmitteln waren, erfüllten in der Nachkriegszeit, als allmählich jeder Haushalt über einen Kühlschrank verfügte, ganz unterschiedliche Funktionen. So war etwa in der Zeit des Kalten Krieges der Schutz vor atomarer Bedrohung ein wichtiges Thema. In Österreich mussten ab 1960 bis 1994 nicht nur öffentliche Gebäude, sondern auch alle neu gebauten Einfamilienhäuser mit einem Luftschutzkeller ausgestattet werden, Bevorratungspläne für 14 Tage inklusive. In der Schweizer Bauordnung sind bis heute solche Schutzräume verpflichtend vorgeschrieben. Viele der ehemaligen Schutzräume wurden später zu gemütlichen Kellerstuben umgestaltet. In der Zwischenzeit haben Keller den Ruf des Muffigen und Unheimlichen längst abgelegt, mit verbesserter Bautechnik hat sich ihr Nutzungsspektrum erheblich erweitert. Heute sind Keller in der Regel dank einer wasserundurchlässigen Bauweise trocken. Aus einem Lagerungsort, dem einst etwas Tiefgründiges anhaftete, ist ein pragmatischer Mehrzweckraum geworden – geheimnislos, aber im Sommer immer noch angenehm kühl.