SCHLAFENDE DIVA – das Südbahnhotel am Semmering

Als erstes Hotel vor Ort wurde das zunächst „Hotel Semmering“ genannte Gästehaus 1882 am Fuße des Pinkenkogels – auf genau 1000 m Seehöhe – eröffnet. Heute, mehr als 135 Jahre später, lässt es den vornehmen Stil und Geschmack der Belle Époque erahnen und wartet auf seine Erweckung.

Mit seiner Mitte des neunzehnten Jahrhunderts errichteten Gebirgsbahn rückte der Semmering plötzlich ins Zentrum der damaligen Welt und gewann an Bedeutung, die weit über den geografischen Stellenwert hinausging. Was sich um die Wende zum 20. Jahrhundert hier abspielte, ist mit seiner Wichtigkeit als Pass oder den Schönheiten der umliegenden Landschaft nur unzureichend erklärbar. Der Semmering und seine Umgebung wurden zu einer eigenen Kunstform, in die sich ein mondänes Grandhotel perfekt einfügte.

Prestigebau und touristische Attraktion
Die Planung des Hotels am Semmering begann 1880 auf Initiative von Friedrich Julius Schüler, dem Generaldirektor der Südbahngesellschaft. Mit dem Prestigebau sollten, ähnlich wie durch das Grandhotel-Toblach und den ebenfalls in den 1880er-Jahren begonnenen Aufbau des Kurortes Abbazia (Opatija) „als k.u.k-Riviera“, zusätzliche Einnahmequellen für die Südbahngesellschaft erschlossen werden. Und so wuchs das nunmehrige „Südbahnhotel“ innerhalb weniger Jahre Stück für Stück zu seiner imposanten Erscheinung heran und galt fortan als größtes Palasthotel Mitteleuropas.

War das erste Südbahnhotel noch recht sachlich gehalten, so änderte sich dieses nüchterne Erscheinungsbild, als 1901 bis 1903 große Zubauten im Stil des Späthistorismus entstanden. Wie eine märchenhafte Burg mit Türmen und Türmchen, steilen Dächern, Balkonen und Terrassen und seinen vielen Giebeln steht es seither an den Abhang in Richtung Adlitzgraben und Breitenstein gelehnt, so dass es in der heute bewaldeten Umgebung, anders als das weithin sichtbare Panhans, nur von wenigen Stellen aus in seiner ganzen Größe eingesehen werden kann. Zur Zeit seiner Errichtung waren die das Grandhotel umgebenden Flächen hingegen noch großteils landwirtschaftlich genutzt und so gab es viele offene Stellen, die einen Ausblick auf den Prachtbau erlaubten.

Hatte das Hotel zunächst drei Stockwerke mit 60 Fremdenzimmern, so waren es in der letzten Ausbaustufe 350 Zimmer. Von Anfang an gab es Badeeinrichtungen, Spiel-, Rauch- und Damensalons, ein Post- und Telegraphenbureau und ein Restaurationsgebäude, welches einen großen Speisesaal und die Wirtschaftsräumlichkeiten enthielt. In der Nähe des Hauptgebäudes befanden sich ein dazugehöriger Meierhof, Stallungen für die Pferde, Remisen für die Kutschen und später Autogaragen für 50 Wagen sowie eine Waschanstalt. Außerdem errichtete die Südbahngesellschaft eine Straße vom Bahnhof Semmering zum Hotel, sowie die notwendige Wasserleitung.

Fluchtpunkt und Sehnsuchtsziel
Zu Beginn lebte der Semmering, ähnlich wie schon Reichenau an der Rax zuvor, vom Mythos der Habsburger. Gleich nach Eröffnung des ersten Semmeringhotels 1882 sowie den dazugehörigen Villen genossen die höchsten Kreise der Wiener Gesellschaft, Erzherzöge und Minister, selbst Kaiserin Elisabeth, die alpine Sommerfrische in der Höhenluft nahe Wien. Der Besuch von derart bedeutenden Mitgliedern der Hocharistokratie war ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Semmering. Touristen von damals waren vor allem gutbetuchte Städter, die sich eine Zeit lang dem hektischen Treiben der nahe gelegenen Zwei-Millionen-Metropole entziehen wollten. Nur zwei Zugstunden von Wien entfernt, war der Semmering leicht erreichbar und dennoch entrückt genug um romantischen Vorstellungen von ländlicher Idylle gerecht werden zu können.

Das Südbahnhotel mit seinen Dependancen bot für Adelige und Reiche, Sportsmen und Künstler eine artige Kulisse, war aber auch ein Treffpunkt für Emporkömmlinge, Spekulanten, Möchtegerns und Hochstapler. Im glanzvollen Ambiente konnte man sich selbst gut inszenieren und dabei entstand eine einzigartige charmante Melange aus Kunst, Künstlichkeit, Fortschrittsglauben und Romantik. Hier verband der Zeitgeist das urbane Leben mit einer schwelgerischen Naturverbundenheit und hob eine Zeitlang die Gegensätze zwischen diesen Positionen auf.

Magischer Ort der Erinnerungen
Durch den in der Zwischenkriegszeit in die Fassade geschlagenen Haupteingang unter einem brachialen Stahlbetonvordach betrete ich neugierig das Foyer mit seinen dunklen Lamperien. Ein Blick zurück wird von Tafeln angezogen, die stolz darüber informieren, welche Sportarten hier einst ausgeübt wurden. Golf, Tennis, Reiten, Skilauf, Bobfahren – um nur einige zu nennen. Obwohl ich weiß, dass der letzte Betrieb des Hauses schon mehr als 50 Jahre zurückliegt, will sogleich der Eindruck aufkommen, dass jeden Moment ein livrierter Portier auf der Bildfläche erscheinen wird. Zögernd folge ich meinem Führer, einem langjährigen Angestellten, der mich durch das Haus begleiten soll.

Es ist schon ein ganz besonderes Erlebnis über die leise knirschenden Parkettböden zu gehen, über die einst die Hautevolee der Habsburg-Monarchie und Künstler wie Stefan Zweig, Gustaf und Alma Mahler, Arthur Schnitzler oder Peter Altenberg schritten… Für Vertreter des Wiener Fin de Siècle bot das Grandhotel eine zauberhafte luxuriöse Bühne, eingebettet in eine malerische Naturlandschaft. Beeindruckend die großen Säle im Erdgeschoß – hier aß und trank man, plauderte diskret oder unterhielt sich bei Bällen und Konzerten. Wie außen, ist auch im Inneren alles monumental. Die prächtigen Luster und Gemälde, die großen Fensterflächen, die noch immer sanft schwingenden Türen und breiten Treppen. Ja, und natürlich die Terrassen, mit ihrem phantastischen Ausblick. Bei gutem Wetter sieht man bis an den Neusiedlersee, auf der anderen Seite direkt ins Rax-Schneebergmassiv hinein.

Auch die Betriebsräume sind gigantisch. Küchen bestimmt an die sieben Meter hoch. Schließlich mussten ja Speisen für hunderte Menschen bereitet werden. Das dampft, das dünstet. Für Fischgerichte gab‘s deswegen eine eigene Küche…

Über eine der vielen Treppen geht es zu den großzügigen Zimmern in den ersten Stock, denn der Aufzug aus den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ruht. Bäder und WC´s gab es auf den Gängen und gegenüber, jeweils zwischen zwei Räumen. Die Verbindungstüren konnten von jeder Seite versperrt werden. In der Belétage im zweiten Stock hatten alle Zimmer ihr eigenes Bad und meist einen eigenen Balkon. Ich halte inne, und höre einen Moment lang im leeren Haus auf die Betriebsamkeit, das pulsierende Lebens von damals…

Schönheit im Dornröschenschlaf
Wieder im Freien, wirkt das Grandhotel auf mich unwirklich, wie aus der Zeit gefallen. Es ist aber ganz real und sogar zu erwerben, wenn man über die nötige Fortune verfügt – wie mir Edgar Bauer, der diese Immobilie betreut, versichert. 18.000 m² verbaute Fläche auf 33.000 m² Grund sind beeindruckende Zahlen. Die schlafende Diva hat zweifellos Potenzial.

Wie könnte es weitergehen, frage ich den Bürgermeister der Gemeinde, Horst Schröttner. Ihn verbinden ganz persönliche Erlebnisse mit dem Hotel. Seine Mutter war 36 Jahre lang Hotelangestellte, er selbst verbrachte viel Zeit hier, lernte im Hotelbad das Schwimmen und genoss mit seinen Kameraden die dazugehörigen Parkanlagen und Gärten. „Es wäre eine Bereicherung und Stärkung für die ganze Region, dieses Hotel wieder stärker zu nutzen, meint er. Ob kulturgeschichtlich oder touristisch, eingebettet in eine Erlebnislandschaft. Gerade im Hinblick auf den Semmeringbasistunnel in den der Hauptverkehr auf der Südbahn schon bald ausgelagert werden soll. Zum Weltkulturerbe Semmeringbahn gehört schließlich auch das Südbahnhotel mit seiner glanzvollen Geschichte.“

Sollte nun Ihr Interesse an diesem reizvollen Gebäude erwacht sein, so sehen Sie selbst!
Der Kultursommer Semmering bietet dazu die Möglichkeit: https://www.kultursommer-semmering.at