FREILICHTMUSEUM NIEDERSULZ- Dorfgeschichte zum Miterleben

Der Wandel der Zeit macht auch vor dem Bau- und Siedlungswesen keinen Halt. In Regionen, deren Ortsbilder noch bis weit ins 20. Jahrhundert von der Agrargesellschaft geprägt waren, sind die Veränderungen aber besonders augenfällig.

Wer dennoch die traditionelle Kultur des Weinviertels, mit ihrer auf den ersten Blick erstaunlichen Vielfalt, kennenlernen möchte, wird im Freilichtmuseum Niedersulz sein Eldorado finden.
Sulz ist übrigens ein altes Wort für saure (feuchte), moosige Böden und – nomen est omen –  wurde dieses einzigartige Dorf auf einem bis dahin kaum genutzten, weil feuchten Areal gegründet. Dass es dazu kam, verdanken wir vor allem dem rührigen Kirchenmaler Prof. Josef (Peppi) Geissler, der sich schon von frühester Jugend an für immobile Kulturgüter wie Schlösser, Kirchen, Bauernhäuser u.v.m. im Weinviertel interessierte.

Sammeln um weiterzugeben
Peppi, der sich selbst als „weltflüchtigen Romantiker“ sieht, richtete zunächst im Pfarrpresshaus des bestehenden Ortes Niedersulz ein kleines Heimatmuseum ein. „Um das volkskundliche Erbe seiner Heimat zu erhalten und an Dorfgeschichte interessierten Menschen zugänglich zu machen“.
1976 übersiedelte es in die leer stehende Volksschule. Bereits dort im Schulhof baute der Museumsgründer die ersten Gebäude neu auf, die anderswo dem Verfall preisgegeben oder abgerissen worden wären. Im Jahr darauf erfolgten die offizielle Eröffnung als „Weinviertler Dorfmuseum“ und die Gründung des „Verschönerungs- und Museumsvereins Sulz im Weinviertel“
Wegen Geisslers eifriger Sammeltätigkeit platzte auch diese Örtlichkeit bald aus allen Nähten. Daraufhin stellte die Gemeinde Sulz dem Verein ein etwa 5 ha großes Grundstück kostenlos zur Verfügung und 1979 erfolgte dort die Grundsteinlegung des „Weinviertler Museumsdorf Niedersulz“. Seither wuchs das Freilichtmuseum mit Unterstützung der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich und durch die bis heute rege Bautätigkeit des Gründers sowie seiner ehrenamtlichen Helfer rasch an.
Die einzelnen Gebäude aus verschiedenen Herkunftsorten wurden mit soviel G‘spür und Charme in stimmigen Gruppen aus Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und den dazugehörigen Gärten angeordnet, dass man meint, ein gewachsenes Dorf vor sich zu haben. Dazu wurden Holzgebäude wie z.B. Stadel komplett übertragen und alle transportablen Teile von Lehmbauten wie Dachstühle, Holzdecken, Fenster, Türen, Bodenbretter etc. für die originalgetreu nachgebauten Häuser im Museumsdorf verwendet. Ehrensache für Geissler, den ganz bewusst uneben ausgeführten Putz und die Kalkfarbe selbst aufzutragen! Den jeweiligen Verwendungszwecken entsprechend, sind viele der Niedersulzer Gebäude vollständig mit Originalmöbel eingerichtet.

Ein Rundgang wie eine Zeitreise
Auf der Anhöhe des so genannten Schmalzberges hat man vom neuen Eingangsportal des Freilichtmuseums einen guten Überblick über das gesamte Ensemble der 82 Großobjekte, die an ihren ursprünglichen Standorten abgebaut und hier originalgetreu wieder errichtet wurden.
Zwischen Weinreben und Gärten führt eine kleine Allee ins Dorfzentrum. Gleich am Anfang dieses Weges steht die ehemalige Volksschule aus Gaiselberg. Vollständig eingerichtet enthält sie auch eine, für damalige Verhältnisse erstaunlich geräumige, Lehrerwohnung. Vorbei an landwirtschaftlichen Flächen und einem Beeren-Naschgarten für Kinder von heute geht es weiter zum Wultendorfer Hof, einem Vierseiter, der zu den größten Objekten des Dorfes zählt. In ihm wurde einst nicht nur Landwirtschaft, sondern auch eine Schmiede betrieben. Im Innenhof sticht die besonders reizvolle übereck geführte „Säulentrettn“ hervor. Von diesem überdachten Verbindungsgang aus werden alle Räume erschlossen. Die Großbauern waren standesbewusst, und wer es sich leisten konnte, baute seine Tretten nach den Arkadenhöfen in Klöstern und Schlössern. Ein Gänseteich, der große Stadel sowie ein Presshaus aus der Region Leiser Berge ergänzen das Ensemble und auch die Gartenfreunde kommen bei den prächtigen alten Rosensorten, Dahlien, Nelken, Malven und Stockrosen voll auf ihre Kosten. Neben den zum jeweiligen Hof gehörenden Knechten und Mägden waren einst auch viele Kleinhäusler ohne eigenen Grundbesitz in der Landwirtschaft beschäftigt, die in so genannten Kleinhäusler-Häusern lebten.
Die Bezeichnung Zwerchhof als eine im östlichen Österreich verbreitete Form des Bauernhofes ist übrigens kein Hinweis auf seine Größe. Sie kommt vom Mundartwort „zweri“= quer, weil der Wohntrakt bei dieser Form des Mehrseithofes straßenseitig quer an die übrigen Gebäude angefügt ist.

Im Zentrum
Der Dorfplatz war der Mittelpunkt jedes Weinviertler Ortes, an dem die Einrichtungen der Allgemeinheit wie Kirche und Wirtshaus angesiedelt waren und Feste wie z.B. Hochzeiten, Fronleichnam oder Kirtag gefeiert wurden. Seinerzeit waren Greißler oder Fleischerein oft in Kombination mit dem Dorfwirtshaus anzutreffen. So auch hier im Gasthaus „Goldener Stern“ in dem sich im Hintertrakt eine originale Greißlerei aus Jedenspeigen befindet. Die Schank wurde aufgrund häufiger Wirtshausraufereien durch ein Holzgatter vor Beschädigungen geschützt.

Wohnen und Handwerk
Neben eindrucksvollen Wohn-und Wirtschaftsgebäuden findet man hier auch das repräsentative Bürgermeisterhaus, einen Doppelhakenhof mit besonders schönem Vorgarten. Wer hier eine „Amtsstube“ sucht, wird allerdings nicht fündig werden, denn seinerzeit genügten schon Feder und Tinte sowie ein großer Stempel um den Obliegenheiten des Bürgermeisters Geltung zu verschaffen.
In der Dorfzeile wurden auch Werkstätten wie jene von Schmied und Sattler angesiedelt. Eine Rarität ist die komplett erhaltene Wagnerei Halmschlag aus Hollabrunn, die dort noch bis 1981 in Betrieb war. Wagner wie Franz Halmschlag bauten Leiter- und Truhenwägen, Baumwägen und -schlitten sowie Schubkarren. Außerdem produzierten sie landwirtschaftliche Geräte und Maschinen, Hacken-, Schaufel- und Rechenstiele, Gebrauchsgegenstände und sogar Skier. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft nahm im Laufe des 20. Jahrhunderts der Bedarf an handgefertigten, hölzernen Waren ab. Einige traditionelle Produkte waren aber bis zuletzt gefragt: stabile Leitern aus astfreiem Holz sowie Stiele aus Eschenholz. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts führten die noch aktiven Wagner hauptsächlich Reparaturarbeiten durch. Z.B. Räder der alten Leiterwägen oder die hölzernen Dreschmaschinen, die lange in Gebrauch waren. Auch an den frühen Traktoren und Steyrer-Lastwägen gab es reparaturbedürftige Holzelemente wie Böden, Seitenwände und blechverkleidete Karosserie-Teile.

Natur und Gärten
Wichtig für die Dorfbewohner war auch der Grünraum. Die Hausgärten wurden entweder als Blumen-Vorgärten oder als Nutzgärten mit Kräutern und Gemüse nach historischen Quellen bepflanzt. Die K&K Monarchie war ja lange Zeit führend im Gartenbau und die Dorflehrer betätigten sich oft als Gärtner. Sie gaben ihr Wissen an die Schüler weiter, wobei streng zwischen Mädchen- und Knabengärten unterschieden wurde. Die schönen Blumen- und Ziergärten waren Mädchensache, die Buben kümmerten sich z.B. um den Tabak- und Hanfanbau.

Lebendiger Museumsbetrieb
Im Museumsdorf Niedersulz gibt es nicht nur umfangreiche Schausammlungen, sondern es werden auch zahlreiche Feste und andere Veranstaltungen wie Dorffrühling, -sommer und -herbst mit Pflanzen- und Kunsthandwerksmärkten abgehalten. Außerdem werden traditionelle Herbstarbeiten wie „Drischl dreschen“, „Woaz auslösen“ und „Federnschleissn“ gezeigt.
Ein wichtiges Anliegen Josef Geisslers ist es, mit seinem Dorfmuseum die Stimmung vergangener Zeiten einzufangen und den Geist des einstigen Dorflebens weiterzutragen.
https://www.museumsdorf.at