HARDEGG IM NORDWALD – Die kleinste Stadt Niederösterreichs

Hardegg liegt zwar nicht dem Erdteil inmitten, im Grenzland des so genannten Nordwaldes war es aber Jahrhunderte lang ein strategisch wichtiger Außenposten. Nach Ende des Eisernen Vorhangs wird hier grenzübergreifend eine gute Nachbarschaft gepflegt.

Landschaftlich Teil des Waldviertels, gehört das malerische Städtchen, das mehr Häuser als Bewohner aufweist (im Jahr 2019 waren es gerade einmal 79), politisch zum Bezirk Hollabrunn und somit zum Weinviertel. Nördlich schließt es mit dem Fluss Thaya an die Tschechische Republik an. Fährt man von Retz kommend nach Hardegg, so gelangt man knapp vor den Serpentinen, die in das an dieser Stelle tief eingeschnittene Thayatal führen, an ein Plateau auf dem sich linkerhand ein moderner Flachbau aus Holz und Glas eng an den Wald anschmiegt.

Länderverbindender Naturschutz
Es ist das Besucherzentrum des Nationalparks Thayatal, in dem von März bis November Führungen, Ausstellungen und Filmvorstellungen in und über das Naturschutzgebiet stattfinden. Gemeinsam mit dem benachbarten tschechischen Národní park Podyjí haben sich die Initiatoren des Naturparks der Erhaltung einer der schönsten, romantischsten und artenreichsten Tallandschaften verschrieben. Kaum anderswo gibt es auf engstem Raum eine vergleichbare Anzahl verschiedener Pflanzen und Tiere, wie hier an der Thaya. Grund für diese Vielfalt sind die verschiedenen Grundgesteine und Hänge mit unterschiedlichen Expositionen entlang des gewundenen Flusslaufes. Geschützt durch den Grenzverlauf und die jahrzehntelang währende Abgeschiedenheit im Sperrgebiet des Eisernen Vorhanges konnten sich in diesem Gebiet die Fauna und Flora ungestört entwickeln. So haben etwa Schwarzstörche, Smaragdeidechsen, Fischotter und die äußerst scheue Wildkatze hier ein Refugium gefunden. Für Naturliebhaber, Wanderer und Stadtflüchter ist der Nationalpark Thayatal zu jeder Jahreszeit ein reizvolles Ziel und wartet mit zahlreichen gut markierten Wegen, Aussichtspunkten und Raststellen auf. Wer schneller vorankommen möchte, kann die Gegend auch auf dem Rad erkunden.

Grenzwall und Festung
Bald hinter dem Nationalparkhaus fällt die kurvige Landstraße steil zur Thaya hin ab. Bei einer Abzweigung am Stadtturm – von den Hardeggern auch Uhrturm genannt – kann der Besucher sich entscheiden, ob er zunächst den alten Ortskern, das untere, an der Thayabrücke gelegenen Stadtgebiet, oder die kühne, auf einem hohen Felsrücken gelegene Burg aufsuchen möchte. Im Mittelalter war Hardegg Teil einer langgestreckten Befestigungskette. Außerhalb der Burg erzählen heute noch Mauerabschnitte, Fundamente im Stadtgebiet, Teile eines Stadttores an der Straße nach Felling, Wehrtürme sowie die Pfarrkirche mit dem davor gelegenen romanischen Karner von der einst mächtigen Wehranlage.

Burg Hardegg ist eine der größten des Landes Niederösterreich, und ihre Besitzer, die jeweils mit der Herrschaft der so genannten „Böhmischen Mark“ belehnten Grafen, spielten in der Geschichte eine wesentliche Rolle. Die ausgedehnte Anlage wurde um das Jahr 1041, also im Hochmittelalter, von Lehnsherren der Babenberger zur Verteidigung der Thayagrenzlinie gegen die nördlichen Nachbarn errichtet. Die ersten Besitzer waren die Grafen von Plain und Hardegg. Nachdem dieses Geschlecht ausgestorben war, gab es viele verschiedene Besitzer, die die Burg immer wieder baulich erweiterten. Unter anderem wurden ein Turm, ein Palas (repräsentativer Saalbau) und eine Kapelle errichtet. Lange Zeit diente die Burg als Verwaltungszentrum der Grafschaft Hardegg und die Macht der Burgherren stützte sich auf zahlreiche ritterliche Gefolgschaften in den Orten der Umgebung wie Pulkau und Retz.

Mitte des 17. Jahrhunderts kam die Burg in den Besitz der Grafen Khevenhüller, die ihren Hauptwohnsitz aber auf Schloss Riegersburg hatten. So wurde die Burg kaum mehr bewohnt und verfiel. Heute präsentiert sie sich nach mehrfachem Brand, Dreißigjährigem Krieg und Erdbeben um-, aus- und neu aufgebaut. Johann-Carl von Khevenhüller, ein Mitkämpfer Kaiser Maximilians von Mexiko, ließ die Festung im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erneuern. Zu Ehren des Kaisers richtete er ein Museum in der Burg ein, von dem heute noch eine kleine Erinnerungs-Ausstellung erhalten ist.

Stadtspaziergang
Bei unserem Rundgang durch die Altstadt entdecken wir so manches architektonisch interessante Haus. Auf einige davon hat uns Tischlermeister Maurer, dessen Familie eng mit Hardegg verbunden ist, hingewiesen. So etwa die alte Mühle mit der Hausnummer 15, die früher sowohl als Getreidemühle diente, als auch ein Stampfwerk zur Tuchwalke enthielt. Wirtschaftlich war in Hardegg vor allem die Tucherzeugung und der Handel von Bedeutung.

Im ehemaligen Hardegger Rathaus am Hauptplatz Nr. 68 wurde 2006 die kleinste Galerie als Kulturwerkstatt von Künstlern aus der Stadtgemeinde gegründet. Hier laden von Anfang Mai bis Ende Oktober Ausstellungen zum Besuch und Aquarellmalkurse zur Teilnahme ein. Der Eintritt ist gratis.

An der Adresse Hardegg Nr. 36 befindet sich in einem Klassenzimmer der ehemaligen Volksschule das Guckkastenmuseum. An den Wänden dieses Heimatmuseums hängen Schautafeln zur Hardegger Geschichte und zu Themenkreisen wie Herrschaft, Bauern, Gewerbe, Eiserner Vorhang, Sommerfrische und Schule. Vitrinen und Schaukästen beherbergen archäologische Funde, historische Dokumente, Bücher, Gemälde, Alltagsgegenstände u.v.m. Im Mittelpunkt steht der namensgebende Guckkasten, ein Holzkubus mit vier Gucklöchern durch Fotopräsentationen und einen Videofilm ansehen kann.

Stadtseitig am Fuße des Burgberges befinden sich die dem heiligen Vitus geweihte Pfarrkirche und der Karner. Ursprünglich bildeten sie mit dem Pfarrhaus eine wehrhafte Baugruppe unterhalb der Burg. Das spätromanische Langhaus mit seinem niedrigen Seitenschiff stammt aus dem 13. Jahrhundert; an das Langhaus schließt der hochgotische Chorbau an, im 18. Jahrhundert wurde die Kirche barockisiert. Der Karner ist ein zweigeschoßiges, unverputztes, aus Bruchsteinen errichtetes romanisches Rundbauwerk mit stumpfem Kegeldach und kleinen, steilen Rundbogenfenstern. Er wurde neben der Pfarrkirche Hardegg an einer Geländestufe errichtet. Vom Friedhof aus betrachtet erscheint das Gebäude dadurch niedrig, während es von Norden aus betrachtet wie ein hoher Turm wirkt. In dem vom Friedhof aus zugänglichen Raum ist eine mit Kuppelgewölbe versehene Kapelle über deren Apsis mit einem gemauerten Altar nachträglich ein gotisches Maßwerkfenster eingebaut wurde. Der Eingang zur Gruft liegt einen Stock tiefer an der Ostseite des Karners.

Einst Sommerfrische – heute sanfter Tourismus
Über den unmittelbar an der Thaya gelegenen Stadtteil gibt es ebenfalls viel zu berichten. Als Teil der ehemals großräumigen Vorbefestigung von Hardegg nach Westen bildet der Brandlesturm den nördlichen Abschluss zum Fluss. Der auf einem quadratischen Grundriß errichtete Turm mit 1,2 m (!) Mauerstärke besteht aus kleinteiligem Bruchstein, feldseitige Lichtscharten sowie ein vermauerter Hocheingang belegen die ehemalige Verteidigungsfunktion. Der Turm ist gut erhalten, aber nur von außen einsehbar.

Auf der Stierwiese befand sich auch bis zur Errichtung des Frainer Kraftwerks (Tschechien, 1933) das bekannte Hardegger Thayabad, von dem nur noch Reste erhalten sind. Das in der heißen Jahreszeit angenehm temperierte Flusswasser zog einst Scharen von Badegästen und Sommerfrischlern an. Beliebt waren auch Zillenfahrten und es wurde auch sehr gerne gefischt. Heute sind solche Aktivitäten aus Gründen des Naturschutzes hier nicht mehr erwünscht. „Das aus dem Kraftwerk regelmäßig abgelassene kalte Tiefenwasser wäre für Badegäste ohnehin nicht sehr attraktiv“ erzählt Bürgermeister Friedrich Schechtner. „Eine Ausnahme bilden die regelmäßigen Zillenfahrten zum Training der Feuerwehr.“

Etwas flußabwärts liegt die bekannte Thayabrücke vor deren Bau man den Fluss oberhalb der Stadt an einer Furt überqueren musste. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde diese Brücke fast durchgehend für den „kleinen Grenzverkehr“ benutzt. Ab 1945 war der Grenzübergang am Eisernen Vorhang geschlossen. Nach dem Machtwechsel in der ČSSR im Jahr 1989 und der folgenden Welle von Neueröffnungen alter Grenzübergänge wurden auch die Thayabrücke von Hardegg wieder in Dienst gestellt und man kann über sie die etwa 8 km entfernte tschechische Partnerstadt Frain a.d. Thaya von Hardegg aus zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen.

Das Schlusswort hat wieder der Bürgermeister und meint zum Thema nachhaltige Entwicklung der Stadt: „Hardegg profitiert heute vor allem vom sanften Tourismus in Verbindung mit dem Nationalpark Thayatal. Aus diesem Grund wird ab diesem Jahr ein Sammeltaxi ab Bahnhof Retz den Gästen zur Verfügung stehen. Als Fernziel überlegt der Gemeinderat auch den Einsatz von Elektrobussen für die Anreise.“