Ein altes Wirtschaftsgebäude bekommt Leib und Seele

Umbau eines Schüttkastens und Presshauses in Ravelsbach. “Anonyme Architektur” hat viele Gesichter: In Ravelsbach, auf dem Areal des alten Restaurants am Hauptplatz, verfielen schon längst manche Wirtschaftsgebäude dem Dämmerschlaf – ihr ursprünglicher Zweck war nicht mehr gegeben.

Seit 1840 ist die Familie Diringer hier ansässig, immer schon mit Landwirtschaft, bald auch als Gastwirte. Heinrich Diringer ist im “sogenannten” Ruhestand. Die Lasten des Berufslebens hat er verpachtet. Und seine Zeit und Energie dafür genutzt, aus einem alten, schon etwas angegriffenen Schüttkasten ein schönes, gemütliches Wohnhaus zu machen.

Vom Schüttkasten zum Gästehaus

Diese Umnutzung erfordert noch etwas mehr als “nur” die bautechnisch richtige und sinnvolle Durchführung der Renovierung. Nämlich ästhetisches Feingefühl und Geschmack. Es ging darum, das Gebäude einer neuen Bestimmung zuzuführen, ohne ihm seinen Charme zu nehmen, und vor allem dies auf eine authentische Weise durchzuführen, da hier die sensible Ästhetik keinen Stilbruch verträgt. Hier hat einer, noch dazu der Bauherr selbst, den alten Geist des Objekts inhaliert, verstanden und neu interpretiert.

Es geht um die Seele

Wenn so ein altes Gebäude eine ganz andere neue Bestimmung bekommt, droht die Gefahr, ihm seine Seele zu nehmen. Dagegen hilft nur, alles zu erhalten, was erhalten werden kann. Und was ergänzt wird, muss sich in die Substanz integrieren. Dabei waren zahllose Details zu berücksichtigen, vom Bodenbelag über das Heizsystem und die Beleuchtung bis zum Mobiliar. Und am Ergebnis zeigt sich auch, dass dieses Häuschen für seinen neuen Zweck extrem gut geeignet ist, auch was etwa die Größe und Anordnung der Fenster betrifft.

Baulich ging es zunächst um die Trockenlegung des in den Hang gebauten Gebäudes. Der Boden wurde ringsum aufgegraben, mit Rollschotter versehen und teilweise als Böschung offen gelassen. Hier waren teilweise Betonstützungen nötig, die nun nicht mehr sichtbar sind. Im Haus wurden Dachstuhl und Decke verstärkt, ohne der Innenansicht ihren Charakter zu nehmen. Eine unsichtbare Aufsparrendämmung verbessert die Energiebilanz. Das ursprünglich unbeheizte Gebäude verfügt nun über einen Kachelofen und eine thermische Solaranlage. In unauffälligen Randbereichen wurden Sanitärräume geschaffen, und eine neu eingebaute Holztreppe erschließt die beiden Geschosse.

Holzbalken aus der Kegelbahn

Für die Beschaffung der hier verwendeten, originalen Zutaten fuhr Heinrich Diringer so manchen Kilometer, beschaffte alte Ziegel und Balken oder verwendete, was ungenutzt auf seiner Liegenschaft vorhanden war. Beispielsweise gab es hier früher eine, inzwischen verfallene, Freiluft-Kegelbahn aus Holz, deren Reste sich nun in der Terrassengestaltung wiederfinden. Alte Möbel, Spiegel und sogar ein großes Altarbild konnte er aus dem Altbestand seines Gasthauses übernehmen – oft mussten die Sachen erst noch zum Restaurator. Im Treppenaufgang baumelt ein einfach geschnitzter Holzluster mit Figuren, etwa aus den dreißiger Jahren, der einst in der Gaststube hing. Alte Pendelzugleuchten und die urigen Dachbalken geben den Innenräumen den Charme der alten Zeit zurück. Die Möbel stammen aus dem alten Familienbesitz, zwischenzeitlich hatte man sie schon ausrangiert, als „das alte Zeug“ nicht mehr gefragt war. Heute sind es gesuchte Stücke aus dem Biedermeier, beispielsweise eine Tabernakelkommode mit aufwendigen Marketerien und gebogenen Fronten oder eine schlichte Vitrine. Ein hübsches Sofa, grob dem Louis-Philippe-Stil zuzuschlagen und mit Backhausen-Stoff tapeziert, vermittelt Gelassenheit. Kaum ein Stück ist hier jünger als 100 Jahre, aber diese Einrichtung funktioniert hervorragend zwischen dem vielen Holz, sie wirkt dabei sogar frisch und vital.

Ästhetik oder Zeitgeschmack

Es muss gar nicht immer der Kontrast mit dem Neuen sein: Heinrich Diringer zeigt sehr überzeugend, wie man allein mit alter Substanz, aber moderner Bautechnik ein kleines Baujuwel erschaffen kann, das tatsächlich seinen alten Geist atmet. Der Aufwand, den er dafür trieb, steht chromblitzenden „Neuadaptionen“ in nichts nach. Sein Schüttkasten ist vollkommen plausibel, ohne dabei museal zu wirken, und er ist auf eine Art altmodisch, die auf den zweiten Blick ausgesprochen zukunftssicher ist: Weil seine Ästhetik nicht vom Zeitgeschmack abhängt, sondern aus sich selbst heraus wirkt.

Bauherr: Heinrich Diringer

Planung: Heinrich Diringer