Liebe auf den zweiten Blick – Sanierung Siedlungshaus in Zistersdorf

Bekannt wurde Zistersdorf durch seine Erdölfunde, Anfang der 30er-Jahre wurde dort zum ersten Mal Rohöl gefördert. Als die RAG (Rohöl-Gewinnungs-AG) nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Produktion in der ursprünglichen Form wieder aufnahm, errichtete man für Bauleiter und höhere Angestellte des Unternehmens und ihre Familien spezielle Wohnunterkünfte, um die Arbeitnehmer an ihre Arbeitsstätten zu binden.

Oftmals entstanden bei solchen Vorhaben ganze Siedlungen, deren einzelne Häuser man als „Siedlungshaus“ bezeichnete. Das Haus der Familie Goldmann ist das mittlere von drei baugleichen Gebäuden, die nebeneinander in einer Straße gelegen, 1949 zu diesem Zweck in Zistersdorf gebaut wurden und im Dorfjargon „die RAG-Häuser“ genannt werden.

50er-Jahre „Typenbau“
Die Bauform von Siedlungshäusern entspricht meist einem bestimmten Bau-Typ und ist in der Regel einfach: eineinhalb Stockwerke – im Dachboden ein ausgebautes Zimmer, geringe Wohnfläche auf einfachem Standard, steile Satteldächer, schmucklose Fassaden, Fensterläden. Eine bodenständige Architekturrichtung, die als Gegenbewegung zur Moderne und zum Bauhaus-Stil gesehen werden kann. Meist waren die Häuser von einem großen Nutzgarten zur Selbstversorgung und Existenzsicherung umgeben, so auch dieses Haus in Zistersdorf.

Vernunftehe statt Liebesheirat
Eigentlich erwarb Familie Goldmann dieses Objekt aus Mangel an Alternativen. „Anfangs wollte ich mir dieses Haus nicht einmal ansehen. Ich habe eher von einem Jahrhundertwendehaus mit Stuckfassade geträumt“, erklärt Karina Goldmann. Doch der Erwerb des Siedlungshauses erweckte in der Gartenarchitektin schon bald die Liebe zur Architektur der 50er-Jahre: Wenn schon ein Haus aus den 50er-Jahren, dann sollte es auch authentisch bleiben. Beim Kauf im Jahre 2016 war der Zustand des Hauses seinem Alter entsprechend und auch baulich seit seiner Errichtung 1949, unverändert. Innerhalb von zwei Jahren hat Familie Goldmann das gesamte Gebäude – größtenteils in Eigenregie – generalsaniert. Es wurde auf Rohbau-Status zurückgesetzt, erhalten blieben dabei nur das Mauerwerk,

der Dachstuhl, der Deckenputz samt Hohlkehlen, die alte Treppe und die Pendeltür. Der Familie war es ein besonderes Anliegen, die erhaltenswerten Dinge, die den Charakter des Hauses ausmachen, in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten.

Authentisches Gesamtkonzept
Die neue Haustür aus Eichenholz ist eine originalgetreue Kopie der alten Türe, die schmiedeeisernen Elemente an Türen und den runden 50er-Jahre-Fenstern wurden wieder angebracht. „Es war mir schließlich enorm wichtig, das Gesicht des Hauses und seinen Stil zu wahren“, freut sich Karina Goldmann. Das Herzstück des Hauses, die alte Holztreppe, wurde abmontiert, in liebevoller Kleinarbeit in ihre Einzelteile zerlegt, händisch abgeschliffen, restauriert und wieder eingebaut und auch die, für die damalige Zeit typische Pendeltüre blieb vom Umbau unversehrt, einzig die Ornamentglas-Einsätze mussten erneuert werden. Die Innentüren sind Kopien der ursprünglichen Türen, originalgetreu nachgebaut. Der Deckenputz mit den Hohlkehlen blieb ebenfalls erhalten und auch die unverputzte Ziegelwand im Schlafzimmer wurde nur patschokiert (grob verputzt und anschließend in feuchtem Zustand modelliert), um einmal mehr zu zeigen, dass es sich hierbei um einen Altbau handelt. Der stark beschädigte Terrazzoboden im Vorzimmer wurde durch neuen Terrazzo ersetzt – ein für die damalige Zeit typischer Bodenbelag.
Der Grundriss im Erdgeschoß wurde nur geringfügig verändert, das Obergeschoss ausgebaut, sodass drei Schlafräume und ein Schrankraum Platz fanden. Der Holzzubau mit großer Fixverglasung als Erweiterung der Wohnküche war der einzige architektonische Kompromiss zugunsten der Lebensqualität. Damit konnten die Tageslichtverhältnisse verbessert und zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden. Bewusst als starker Kontrast gesetzt, spannt er einen Bogen zur Gegenwart.

Eigentümer & Planung: Karina und Christian Goldmann