Vierseitenhof mit Bücherstall

Nach Norden hin zeigt das Waldviertel mit seinen Hochflächen und den darin eingeschnittenen Flussläufen, wie jenen der Thaya sein unberührtes Gesicht. Wer sich ganz auf sich selbst reduzieren will, findet hier die besten Bedingungen dafür.

Obwohl das nördliche Waldviertel zu jenen Agrarräumen zählt, die klimatisch wie bodenmäßig als benachteiligt gelten, hat die Region hier, vielleicht gerade deshalb, einen ganz eigenen Reiz und Zauber. Wer hier herzieht, der weiß, warum. Und so wurde ein historischer Vierseithof in einer kleinen, abseits gelegenen Ortschaft, um dessen Revitalisierung es hier geht, zum Rückzugs- und Regenerationsort seiner neuen Eigentümer. Einst war er der Wehrhof eines Stifts, wovon noch sein gut erhaltener quadratischer Turm zeugt.

Den Kuhstall weiterdenken
Der traditionelle Vierseithof besteht aus Wohnhaus, Stall und Scheune, die einen geschützten Innenhof umfassen. Hier wurde in den Jahrhunderten ab und zu etwas angebaut oder verändert, so stammt der bereits renovierte Wohntrakt aus dem 19. Jahrhundert. Als nächste Ausbaustufe war nun der historische Kuhstall an der Reihe. Seine mächtigen Mauern aus Ziegelstein und Granit sollten zigtausend Büchern ein neues Heim bieten. Sie fanden dieses in einer meterlangen Bücherwand, die jetzt den hellen, loftartigen Raum mit ihrer dominierenden Präsenz einnimmt. Davor steht ein langer Tisch, auf dem sich der Eigentümer einige zu bearbeitende Aktenstapel zurechtgelegt hat.

Aus für die Mehlkammer
Das Problem war nur: Die Verbindung zwischen dem Wohntrakt und dem ehemaligen Kuhstall, jetzt Bibliothek, erfolgte über eine kellerartige Zwischenzone, über der früher eine Mehlkammer lag. Die Mehlkammer war bereits liebevoll zum Gästezimmer umgestaltet worden, doch der Kellerdurchgang erwies sich als Zugang ungeeignet. Der Entwurf eines örtlichen Planers scheiterte. Der neue Architekt, erfahren im „Bauen im Bestand“, konnte diesen Gordischen Knoten lösen: Das neue Gästezimmer

musste samt Zwischendecke weichen und der Haupteingang in das Gebäude wurde um eine Fensterachse verlegt. Dadurch entstand ein hoher Eingangsraum, von dem aus die beiden Bereiche erschlossen werden. Diese Halle wirkt ganz so, als hätte es sie immer gegeben – wie ein überdachter historischer Platz ist sie der Ort des Kommens und Gehens.

Heimstatt des Geistes
Die Bibliothek könnte kaum großzügiger bemessen sein. Als hoher, lichtdurchfluteter Raum bietet sie viel Platz, sowohl zum Arbeiten als auch zum Lesen und Wohnen. Ihre formale Strenge wird durch die bunten Buchrücken gemildert, sie geben dem Raum eine heitere Note und versinnbildlichen als farbiger Strichcode die in den Büchern gespeicherte Information. Vom Humor der Bauherren zeugt es auch, dass den Büchern der historische Stallbereich vorbehalten bleibt, während Gäste nun ihr abtrennbares Domizil in der sich daran anschließenden früheren Futterkammer finden, die nun nicht nur mit Teeküche und Badezimmer ausgestattet ist, sondern auch über einen eigenen Zugang verfügt.

Das Tor an der Rückseite gibt den Blick über die Felder frei, die sanft bis zum Horizont hinreichen. Von hier aus lässt sich zu weitläufigen Spaziergängen aufbrechen, die den Menschen eins machen mit der Gegend. Die zentrale Halle als Ort des Aufbruchs und der Rückkehr, karg und archaisch wie die Gegend selbst, bildet sie ein Scharnier zum Wohnlichen, und Geborgenem, in das man sich zurückzieht und aus dem heraus man neue Kraft schöpft.

Eigentümer: Privat

Planung: Architekt DI Stefan Tenhalter