Schlicht, zeitlos und lebendig

Bei Gänserndorf im Wiener Umland liegt der kleine, ländlich geprägte Weinort Auersthal. Eingebettet in die sanften Hügel der Umgebung, wirkt er ländlich und bescheiden; im nordöstlichen Windschatten der Großstadt empfiehlt er sich als stiller Rückzugsraum – ideal zum Arbeiten und Auftanken. Und ist der Ort schon still, so ist es der Ortsrand noch mehr, wo aus einem alten, desolaten Stadel eine Perle der Low-Tech-Architektur geschaffen wurde.

Die Familie Döllinger-Tsao, Tontechniker und Komponistin, wollten an der Stelle dieses Stadels und in Nachbarschaft zum Elternhaus ein neues Wohnhaus errichten. Die erste Idee, ein Fertigteilhaus, wurde bald verworfen. Aus dem Zusammentreffen mit dem Architekten Martin Rührnschopf entwickelte sich ein tragfähiger Ideenaustausch, der schließlich zur Planung eines technisch sehr reduzierten Wohnobjekts führte. Zunächst dient es nur der Erholung, nach und nach wird es zum Lebensraum. Unter dem Leitbild „Schlicht, zeitlos, lebendig“ entstand ein dauerhaftes Zuhause, das seine Qualitäten aus dem Weglassen
bezieht. Der Materialeinsatz ist höchst authentisch, die Haustechnik in ihrer Schlichtheit überzeugend, dabei wartungsarm. Einige Beispiele: Gartenseitig über der großen Glasfront sind schräge Oberlichter eingebaut, durch die das Licht sanft durchs Haus streichen kann.

Die Innenaufteilung verzichtet auf Treppenhäuser und ungenutzten Raum, der Treppenaufgang ist als gestalterisches Element direkt in den Wohnbereich integriert. Aufsteigende Plateaus gliedern den Wohn-Raum und schaffen Kommunikationsachsen – man sieht seine Mitbewohner, der Raum wird zum Ort.
Die Lüftungsautomatik verzichtet auf jegliche Übertechnisierung. Ganz nach Wunsch werden die Kippfenster durch CO2-Sensoren oder eine Zeitschaltung geregelt.

Der Boden besteht aus dem blanken Beton, der während des Aushärtens „geflügelt“ wurde. Das Verfahren sorgt für eine spiegelblanke, hoch widerstandsfähige und fast marmorartige Oberfläche. Das Material harmonisiert die Wärme aus der Fußbodenheizung und speichert das warme Licht der Nachmittagssonne. Der Außenbereich ist durch die große Glaswand in diesen Wohnraum einbezogen, die Küche ebenfalls – integrative Architektur.

Bei all dieser Modernität handelt es sich aber nicht um eines jener kubischen Objekte, mit denen Planer gerne der Ländlichkeit eins auswischen – dieses Haus arbeitet mit Funktionselementen, die man schon seit alters her kennt, es greift im Innenbereich auf das Ziegelmaterial des Stadels zurück und erinnert mit den neu interpretierten Schiebetoren und Fensterschlitzen an die ursprüngliche Liegenschaft. Als verwendete Materialien findet sich, was hier Tradition hat: Holz, Ziegel, Eisen und Stein. Alles ist vom Wesen her dauerhaft, unaufgeregt und von wohltuender Ausstrahlung. Selbst die Gartenbepflanzung wurde in die Planung einbezogen, um ein günstiges Mikroklima zu schaffen.

Auf der oberen Ebene steht ein Klavier. Wenn schräg die Morgensonne in den Wohnbereich blitzt und sanfte Melodien durchs Haus ziehen, ist die Außenwelt im nächsten Augenblick vergessen.

Bauherr: Familie Döllinger-Tsao

Planung: rührnschopf architecture