Wohlfühloase in der ehemaligen Scheune

Kaum hat man das Ortsschild Neuaigen passiert, tauchen sie auf, die einzelnen, mächtigen Holzstadln, die einst das Landschaftsbild dieser Gegend prägten.

Als Zeugen einer Ära, in der hier im südwestlichen Weinviertel die Landwirtschaft noch intensiv betrieben wurde, sind diese alten Stadln ein wichtiges Element der niederösterreichischen Kulturlandschaft. Nur wenige dieser signifikanten landwirtschaftlichen Nebengebäude werden tatsächlich noch genutzt. Sie stehen zum Teil leer, verwittern und verschwinden langsam von der Bildfläche.

Generationenwohnen mitten im Ort
Dies zu verhindern war ein Anliegen von Maria Rienößl, selbst gebürtige Neuaignerin und aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof. Die Eltern betrieben eine Schweinezucht. Im Stadl wurden Strohpinkel gelagert und Fuhrwerke eingestellt, den Kindern diente er als abwechslungsreicher Spielplatz. Den landwirtschaftlichen Betrieb gibt es nicht mehr, heute bewohnen Mutter und Schwester das Haupthaus direkt an der Hauptstraße. Maria Rienößl wollte den an das Hofareal angrenzenden Stadl in ein Wohnhaus umgestalten, dabei aber seine ursprüngliche Form nicht verändern. „Ich war überzeugt, der Architekt würde sagen, wir müssten es abreißen, es sei wertlos und ein Erhalt zahle sich nicht aus.“ Das Gegenteil war der Fall. Wolfgang Reicht plante ein Haus im Haus, wobei sowohl die alte Struktur als auch alle Proportionen beibehalten werden konnten.

Wohlfühlplätze überall
Keine Fensterfronten stören die ursprüngliche Scheunenästhetik, Reicht nützte die Öffnungen, die es schon gab, als Lichtquellen: Das alte Tor zur Hinterseite im Osten und das ehemalige Scheunentor an der Vorderseite im Westen. Die Terrassen davor erlauben – je nach Tageszeit – unterschiedliche Nutzungen. Die 80 m² Wohnfläche sind um ein überdachtes Atrium angelegt, das den Blick auf die bestehende Dachstruktur freigibt.

Durch die dem Atrium zugewandte Glasfront der Küche und dem gegenüberliegenden Dachflächenfenster entsteht eine zusätzliche natürliche Lichtdurchflutung im ganzen Wohnraum. „Da zwischen Mauer und Stadlwand eine thermische Hülle besteht, ist es hier drin im Sommer angenehm kühl und im Winter wohlig warm“, erklärt die Bauherrin, die seit Mai 2018 wieder in Neuaigen wohnt und täglich nach Wien pendelt. Sie ist glücklich darüber, wieder in ihrem Heimatort zu wohnen und sie ist stolz auf ihr Haus.

Natur im Spiegel
Obwohl an der Außenfassade nur baufällige Bretter erneuert wurden, arbeitete Reicht hier mit starken Kontrasten und setzt mit dem Einsatz von Spiegelflächen aus poliertem Aluminium gestalterische Akzente. „Das Spiegeln der Umwelt schafft eine besondere Atmosphäre. Wenn man sich um das Haus bewegt, bewegt sich das Haus mit. Die Ecken kann man nicht nachvollziehen und so verschwimmen die Grenzen“, erklärt der Architekt.

Strukturwandel
Der ehemalige „Hintausweg“ ist nun die Hauptzufahrt zum Haus. Diese Wirtschaftswege wurden einst angelegt, um eine direkte Verbindung der Wirtschaftstrakte zu den angrenzenden Feldfluren zu ermöglichen. Die Scheunenreihen entlang dieser Straße sind von dort verschwunden, die Felder sind heute teilweise Neubaugebiet. Kleine Parzellen mit bunten Einfamilienhäusern säumen die Straße. Maria Rienößls Stadl ist an diesem „Hintausweg“ der einzige, der erhalten blieb und als Wohnhaus einer neuen Nutzung zugeführt wurde – als ein Modell für eine zeitgemäße Weiternutzung überkommenen landschaftlichen Kulturguts.

Eigentümer: Maria Rienößl

Planung: Wolf Reicht Architects