Magazinbeitrag

Elemente der Baukunst

Mobile Wände

182 OBKids

Mit dem Kopf durch die Wand
Dicke Mauern und solide Wände sind ein Sinnbild des Schutzes – vor zu viel Lärm und zu viel Licht, vor Hitze und Kälte, vor ungewollten Blicken und unerwünschter Interaktion jeglicher Art. Die „eigenen vier Wände“ umhegen die Privatsphäre, verschaffen Ruhe, Sicherheit und die Möglichkeit, über das eigene Tun und Lassen frei zu verfügen. In den meisten Redewendungen hingegen ist unser Umgang mit Wänden nicht annähernd so positiv besetzt: Manche „Wände haben Ohren“, man kann „gegen die Wand reden“ und den „Teufel an die Wand malen“. Man kann aber auch „mit dem Rücken zur Wand“ stehen, die „Wände hochgehen“ und „mit dem Kopf durch die Wand“ wollen. In ihrer Unverrückbarkeit und widerständigen Undurchdringlichkeit sind Wände dann etwas Trennendes, Hinderliches, Ausgrenzendes. Etwas, das im Weg steht und stört. Könnten Wände nicht flexibler sein, leicht und beweglich? Dieser Traum von der mobilen leichten Wand, die nur da ist, wenn man sie braucht, sich aber gewissermaßen in Luft auflöst, wenn man sie nicht braucht, begleitet die Architekturgeschichte seit langer Zeit. Besonders am Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte die bewegliche Wand in vielen Grundrissen zum fixen Repertoire.

Fließende Räume, faltbare Wände
Schluss mit den vollgestopften Kammern! Die Moderne trat mit ihrem Credo nach mehr Luft, Licht und Freiheit ihren Siegeszug gegen den Möbelballast und die Stilschwere des 19. Jahrhunderts an. Die Häuser sollten offener, leichter und luftiger werden. Ornamentbefreite Kubaturen wurden auf schlanke Stützen (Pilotis) gehoben, statt Lochfenster gab es durchlaufende Fensterbänder, Möbel wurden aus Stahlrohr geformt und erhielten eine sachliche, womöglich aerodynamische Kontur. Statt abgeschlossene Zimmer aneinanderzureihen, schwebte der ArchitekturAvantgarde am Bauhaus der 1920er Jahre der „freie Grundriss“ vor, der mit einem Kontinuum ineinander übergehender Raumzonen größeren Nutzungsspielraum gewähren sollte. So ähneln zahlreiche Entwürfe des deutschen Architekten Mies van der Rohe in dieser Zeit abstrakten Gemälden, deren präzise gesetzte Striche fragmentierte freistehende Mauerscheiben repräsentierten. Die neue Leichtigkeit der Wand war vor allem von traditionellen japanischen Häusern inspiriert, die seit jeher mit leichten Papierwänden und verschiebbaren Holzrahmenelementen ausgestattet waren. Die westliche Moderne mit ihren behäbigen Drehtüren sah im traditionellen japanischen Wohnhaus ihre Vision von der angestrebten Leichtigkeit des Bauens verwirklicht. Architektinnen aus Europa wie Eileen Grey und Charlotte Perriand bewunderten das japanische Handwerk und entwarfen in den 1920er und 1930er-Jahren fernöstlich angehauchte Lackmöbel und Paravents. Mit diesen freistehenden faltbaren Wandschirmen, die auf Möbelauktionen heute Höchstpreise erzielen, trafen sie den Nerv einer Epoche, die auf allen Gebieten Mobilität, Freiheit und Unabhängigkeit propagierte.

Vorhangwände und andere mobile Begrenzungen
Das Café „Samt und Seide“ stattete Lilly Reich mit Mies van der Rohe 1927 anlässlich der Berliner Messe „Die Mode der Dame“ mit hohen Vorhangwänden aus, die in eleganten Buchten den Raum zonierten. Dieser Prototyp der leichtfüßigen Raumgliederung und stofflichen Auflösung der Wand ist zur Inspiration für viele Vorhangwände in der zeitgenössischen Architektur geworden. Aber da ein Vorhang zwar akustisch wirksam ist, aber als Trennelement nicht in allen Nutzungszusammenhängen ausreicht, hat gerade die Büroausstattungsbranche in den letzten Jahren zahlreiche mobile Falt- und Trennwandsysteme hervorgebracht, die je nach Bedarf Abgeschiedenheit und Kommunikation gewähren und in Zeiten des Desk Sharings den Workflow stimulieren sollen. Findige Architekten und Architektinnen werfen einen Blick aber auch in andere Branchen und machen sich professionelle raumökonomische Ordnungssysteme zunutze. So taucht das per Steuerrad verschiebbare Archivregal bereits in so manchem zeitgenössischen Einfamilienhaus auf, wo die Küchenwand zugunsten eines anderen Wohnraums mit geringem Kraftaufwand – mit der leichten Kurbelbewegung einer Hand – verschoben werden kann.
Artikel von Gabriele Kaiser