Magazinbeitrag

Elemente der Baukunst

Wildwuchs

blumenwiese

Lob der Brache
Manchmal ist es einfach besser, nichts zu machen. Mit dem Klimawandel setzt sich auch in der Garten- und Grünraumgestaltung langsam die Erkenntnis durch, dass „Wildwuchs“ kein Makel, sondern etwas Wertvolles ist. Unverbaute Brachflächen mit Vegetationen, die zumindest kurzzeitig sich selbst überlassen bleiben, entfalten ihre Vielfalt und Besonderheit oft im Verborgenen. In wuchernden „nichtgestutzten“ Grünräumen können sich sehr spezielle und ökologisch wertvolle Lebensgemeinschaften aus Pionierpflanzen, Insekten und Pilzen entfalten. Vor allem in Großstädten sind diese sogenannten „Ruderalflächen“, z.B. auf stillgelegten Industrie- oder Verkehrsflächen, wichtige Rückzugsorte für Wildpflanzen und Tiere. Sicher sind brachliegende Böden, auf denen alles Mögliche wuchert, auch bessere Spielplätze als so manches Klettergerüst im Rindenmulchbett. Im Gegensatz zu gepflegten Parkanlagen gibt es auf Brachen keine empfindlichen Blumenbeete und Rasenflächen mit Betretungsverbot. Auch in der Landschaftsarchitektur setzen sich vermehrt Konzepte mit brachenähnlichen Freiräumen durch. Die Wildblumenwiese des Helmut-Zilk-Parks auf dem Gelände des ehemaligen Frachtenbahnhofs im Wiener Sonnwendviertel z.B. wird nur einmal oder zweimal im Jahr gemäht – eine notwendige Maßnahme gegen „Verbuschung“. Ab und zu blitzen die Ohren von hier lebenden Feldhasen zwischen den Halmen hervor.

Blumenwiese statt Trimmrasen
Wir wissen es längst: Nicht nur wild wuchernde Brachen, auch liebevoll angelegte Blumenwiesen sind pflegeleicht und bilden ein wertvolles Biotop. Aufgrund der verschiedenen, in versetzten Zyklen blühenden Pflanzenarten werden Bienen und Hummeln hier fast ununterbrochen mit Nahrung versorgt und bestäuben auch die übrigen Gewächse ums Haus. Im Gegensatz dazu bedarf der (eventuell vom Roboter) getrimmte monokulturelle Rasen mit perfekter Mähkante einer ständigen Obsorge und ist auch viel stärker vom Austrocknen bedroht. Die ständige Gießnotwendigkeit und der Kampf gegen „Unkraut“, Schnecken und Wühlmäuse mit mehr oder weniger erfolgreichen „Schädlingsbekämpfungsmitteln“ haben bei vielen Gärtnerinnen und Gärtnern in den vergangenen Jahren den Wunsch nach gepflasterten Flächen genährt („macht wenig Arbeit und sieht immer ordentlich aus“). Mit den steigenden Sommertemperaturen kehrt die Sehnsucht nach einem schattigen Wiesenplatz nun mit umso größerer Verve zurück. Immer öfter bleiben auch in perfektionistisch umhegten Gärten zumindest kleine Wildblumeninseln stehen.

Heterogenität statt Einheitlichkeit
Kann die Ästhetik des „Wildwuchses“ – im überschaubaren Rahmen – auch in der Raumgestaltung etwas Willkommenes sein? Josef Frank, Architekt einer undogmatischen Moderne, hätte diese Frage vermutlich bejaht. Schon am Beginn des 20. Jahrhunderts hat er gegen das sture „Garniturdenken“ polemisiert und um einen großen Tisch lieber lauter verschiedene Sessel gestellt. Das Nebeneinander verschiedener Zeitschichten und gestalterischer „Individuen“ empfand er als angenehmer, lebensbejahender als jede noch so gediegene Einrichtung „aus einem Guss“. Wer möchte schon jeden Tag immer auf die gleiche Weise sitzen? Sind Vielfalt und Heterogenität nicht selbstverständliche Begleiterscheinungen unseres Alltags, viel mehr als jede durchkomponierte Manifestion einer sich selbst feiernden Gestaltungsdisziplin? Wäre es nicht höchste Zeit, Diversität zu feiern? Gerade in unserem komplizierten Verhältnis zur Natur – die wir brauchen und zugleich zerstören – wäre ein toleranter Umgang mit dem „Wildwuchs“ ein vielversprechender erster Schritt.