vorheriger artikel
übersicht
home nächster
artikel ![]()
![]()
DI Heinrich Schuller ist selbständiger Architekt und Spezialist für Solararchitektur und ökologisches Bauen, ATOS-Partner und Mitglied des Österreichischen Institutes für Baubiologie und Ökologie
|
Gedanken von Darf´s ein bisserl mehr sein? Diesen Satz aus guten alten Greißlerzeiten höre ich kaum mehr. Er brachte mich immer zum Schmunzeln, weil es natürlich ein bisserl mehr sein darf. Wer will nicht etwas mehr? Vor allem etwas mehr Inhalt, mehr Freundlichkeit, mehr Wohn- und Lebensqualität. Für eine große Mehrheit der Bevölkerung ist das Einfamilienhaus immer noch die erstrebenswerteste Wohnform von allen. Deshalb kann ich sie auch verstehen, die Wochenend-Hausbauer, die Fertighaus-von-der-Stange-Käufer, die halben Doppelhaus-Eigentümer: dass sie jahrelang auf Urlaub verzichten, sich ihr Kreuz oder ihre Ehe ruinieren oder sich mit schlechter Bauqualität und durchschnittlicher Optik zufrieden geben, nur weil sie mehr wollen. Mehr Freiheit, mehr Individualität, vielleicht mehr Ökologie, aber vor allem mehr Ruhe und mehr Grün. Ich verstehe das. Trotzdem ist es keine Lösung, unser Land zu zerstückeln, zu verhütteln, zu verasphaltieren, zu verkanalisieren. Weder können sich die Gemeinden die aufwendige Infrastruktur leisten, noch macht es für die stolzen Eigenheimbesitzer Sinn, die zwangsläufig langen Wege in Kauf zu nehmen, um an den Arbeitsplatz, zur Schule, zum Laden oder ins Kino oder Theater zu kommen. Es wird auch nicht besser, wenn man das Einfamilienhaus in ein Niedrigenergiehaus verwandelt, weil der Energiegewinn durch die Abhängigkeit vom Auto meist locker wett gemacht wird. Ich verstehe aber auch, dass es keine Alternative ist, in eine der neuen Stadtviertel am Rande der Metropole zu ziehen. Dort ist zwar mittlerweile auch alles Niedrigenergie, obwohl die Wohnhausanlagen kaum anders aussehen als früher, aber die Menschen fühlen sich trotzdem nicht wohl. Eine Tageszeitung titelte vor kurzem: Moderner Wohnbau auf Irrwegen - Überraschendes Ergebnis einer Studie: Neue Wohnviertel sind unbeliebt. Warum? Weil es an privatem Grün fehlt, an guter Luft, weil es an Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten fehlt, weil es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt, es schlicht an Wohnqualität fehlt. Was ist daran überraschend? Als engagierte Öko-Architekten betrachten wir uns immer als Vordenker für eine bessere Zukunft, oft als Rufer in der Wüste. Und so rufe ich: Wenn schon auf der grünen Wiese gebaut werden soll, dann baut wenigstens hochwertig verdichtet, baut ökologisch, baut menschengerecht, weil von einer solchen Bauweise alle profitieren. Vor vielen Jahren schon wurde der Begriff des verdichteten Flachbaus erfunden, als Bezeichnung für Hausgruppen, die weniger Platz brauchen, das Auto aussperren, sichtgeschützte kleine Gärten haben, aber auch über Gemeinschaftsbereiche verfügen. Im Idealfall bilden die Gebäude ein einheitliches Ortsbildensemble, welches sich wohltuend vom Einfamilienhaus-Wildwuchs an den Ortsrändern abhebt. Was so einfach klingt, wird aber nur sehr selten realisiert. Eines der besten österreichischen Beispiele ist nach wie vor die 30 Jahre alte Siedlung Puchenau von Roland Rainer, der leider wenig Vergleichbares mehr folgte. Sie ist dicht gebaut, grün, bietet individuelle Freiräume, aber auch zwanglosen sozialen Kontakt und Infrastruktur, also genau das bisschen mehr, um das es geht. Eine solche Bauweise ist auch innerhalb bereits verbauter Gebiete möglich, was den Vorteil hat, dass Geschäfte, Schulen und öffentliche Verkehrsmittel schon vorhanden sind. Leider werden nur zu oft Baulandflächen in Einzelparzellen geteilt oder langweilige und kaninchenstall-artige Reihenhausanlagen gebaut, die wie Fremdkörper im Ortsbild wirken. Das Kennzeichen guter verdichteter Siedlungsanlagen ist ihre Integration in bestehende Ortsbildstrukturen. Wenn dann auch noch solare Aspekte bei der Gebäudeorientierung integriert werden, macht es auch wieder Sinn, an Niedrigenergie- oder sogar Passivhausqualität zu denken. Da macht es Sinn, über eine gemeinschaftliche Energieversorgung und Heizung nachzudenken, wie dies bei dem dargestellten Projekt in Zeiselmauer getan wurde. Eine zentrale Hackschnitzel- oder Pelletsheizung in Verbindung mit einer Solaranlage versorgt die sechs Häuser mit Warmwasser und Heizwärme. Das ist in jedem Fall wirtschaftlicher und komfortabler als sechs Einzelheizungen. Ganz zu schweigen von den positiven sozialen Auswirkungen
von sogenannten kleinen Nachbarschaftseinheiten. Kinder können sich
im geschützten Rahmen bewegen und interagieren. Ältere Menschen,
Hausfrauen oder -männer sind nicht isoliert, der Kontakt ist aber
ein freiwilliger. Architektur Die Architektur von Wohngebäuden hat zurückhaltend, funktionell, klar und sonnenorientiert zu sein. Wichtig ist, dass innen wie außen abwechslungsreiche, nutzbare Räume entstehen, die den menschlichen Bedürfnissen nach Geborgenheit, Naturkontakt und Anregung entsprechen. Technik Statt des anerkannten Standes der Technik gilt viel eher das Prinzip der jeweils besten verfügbaren Technik. Das bedeutet zum Beispiel, Regenwasser zu nutzen, weil es einfach verfügbar ist und Abhängigkeit und Betriebskosten reduziert. Das bedeutet, modernste Isolierverglasungen einzusetzen oder Niedertemperatur-Wandheizflächen, die Behaglichkeit bei geringer Raumtemperatur bringen. Ökologie Ökologisch ist Holz unschlagbar. Lokal verfügbar, energiesparend verarbeitet, in Verbindung mit diffusionsoffener Bauweise, zerlegbar. Ohne giftige Anstriche stellt es keine Belastung der Umwelt dar. Beim Innenausbau ist es in Zeiten zunehmender Allergien,
Atemwegs- und Hautkrankheiten besonders wichtig, ausschließlich
natürliche Materialien zu verwenden. Spiritualität Der spirituelle und soziale Aspekt ist der wichtigste. Denn was nützen die coolste Architektur, die beste Technik, die gesündesten Materialien, wenn der Mensch sich nicht wohl fühlt. Auch in Ökohäusern kann man unglücklich sein. Deshalb versuchen wir, die Wirkung von Räumen und Materialien auf den Menschen auch auf der emotionalen feinstofflichen Ebene zu erfassen und abzustimmen. Die Erfahrung alter Bauweisheiten wie der Geomantie sind dabei ein Hilfsmittel, entscheidend sind jedoch die persönliche Einstimmung auf den Ort sowie die Menschen, mit denen gearbeitet wird. Deshalb ist der richtige spirit bereits in der Planungsarbeit von großer Bedeutung für das ganze Projekt. Es darf und soll daher ruhig ein bisserl mehr sein. Architektonisch, technisch, ökologisch und spirituell. |
|
![]()
NÖ gestalten, Amt der NÖ Landesregierung,
3109 St. Pölten, Landhausplatz 1/13
Tel. 0 27 42 / 90 05 1 56 56, Fax: DW 1 36 60
Webdesign & Copyright Die Werkstatt vom Böckl 20012010